-  Übersetzung von Elisabeth Scherf

 

  begonnen am 3. Januar 2021

 

1

 

 

 

 

 

 Eine Wildgans auf dem Wipfel des Baumes

 

 von Qiong Yao

 

 

 

1. Kapitel

 

 

 

Arthur Brown steht am Fenster. Sein Kopf lehnt bewegungslos an der Fensterscheibe.

Er hat keine Ahnung wie lange er dort schon steht. Sein Blick starrt geistesabwesend durch das Fenster hindurch in die Wolken am Himmel. Die Wolkendecke hängt tief und schwer. Ein Winterhimmel. Immer diese öde Stimmung, dieses verschwommene Grau. Aber: der Winter, diese Wolkendecke und dieser verhangene Himmel, spiegeln die seine Stimmung?

 Ja! Schon morgens, kaum angekommen im Büro, nachdem ihm Juli Holt lapidar diesen Brief übergeben hatte, war seine Stimmung sofort durcheinander gewesen. Er fühlte sich wie ein Insekt im Winterschlaf, das plötzlich vom Stich einer spitzen Nadel brutal aufgeweckt wird und, noch schlafend, die tiefe Verletzung spürt und das tiefer, als er selbst gedacht hätte, sich krümmend und sich in sich selbst zurückziehend.

 Dieser Brief, weißer Briefumschlag, blütenweißes Briefpapier mit goldenem Rand. In  der Ecke des Briefpapieres gedruckt ein kleiner schwarzer Engel. Er hat noch nie einen solch eleganten Briefkopf gesehen. Im Brief  nur wenige getippte Wörter:

 

„Arthur, bin in Taipeh, möchte dich 10.1. vormittags 11 Uhr sehen.

 

Sybil“

 

 10. Januar, vormittags 11 Uhr! Heute ist genau der 10. Januar. Dass dieser Brief genau heute Morgen ankommt, scheint gut geplant.

Er sieht auf die Uhr, was für ein Morgen, er kann sich schon  nicht mehr erinnern das wievielte Mal er auf die Uhr schaut. 8 Minuten und 25 Sekunden nach 10 Uhr! Wartezeit – Wartezeit - Erwartungszeit. Immer schleppend und stagnierend! Erwartungsvoll? Ist er wirklich voll Erwartung? Hat er nicht viel mehr Lust wegzulaufen? Soll er weglaufen? Hat er dazu noch Zeit? Aber warum sollte er weglaufen? Gibt es da einen Grund vor ihr wegzulaufen?  „Bitte wählen Sie das Gewünschte.“ Das hat er schon hundert Mal gehört, tausend Mal, zwanzig Tausend Mal ---- aber ein Mensch, der einfach überrumpelt wird. „Bitte wählen sie nach Wunsch.“

Er hatte geglaubt, sie in seinem Leben nie wiederzusehen, sie nicht wiedersehen zu können, es gab keinen Schimmer von Hoffnung sie wiederzusehen. Aber sie? Jetzt, sang- und klanglos taucht sie auf.

 

 Er hatte nicht nur keine Ahnung, dass sie kommt, er hatte auch nie ihre Adresse. „Bin in Taipeh“, einfach so. Wann ist sie in Taipeh angekommen? Der Abstand zwischen England und Taiwan ist endlos lang. Wenn das Flugzeug einen ganzen Tag braucht, ist das eine Reise mit einem langen Weg. Sie kommt! Kommt sie allein? Aber ob sie nun allein kommt oder nicht, sie kommt  auf jeden Fall.

 

Gleich sofort wird er ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen – „Bitte wählen Sie das Gewünschte“ – ein Mädchen, das ihm fremd geworden ist. Fremd? Fremd? Ist sie wirklich eine Fremde für ihn? Er starrt durch das Fenster auf den Nebelschleier aus Wolkenbergen.

 

Er weiß selbst schon nicht mehr nach wie langer Zeit er aus diesen düsteren Gewässern wieder an der Oberfläche auftaucht. Plötzlich unterbricht jäh das Geräusch von Klopfen an der Tür die tiefe die Stille. Wie vom Donner gerührt erwacht er. Sein Herz fängt an zu rasen, am ganzen Körper spannen sich seine Muskeln. Er hört seine eigene Stimme wie sie mit heiserem aber festen Klang sagt: „Herein!“

 

 

 

2

 

Die Tür öffnet sich. Er ist sicher und ihm ist klar, was er jetzt sehen wird. Seine Stimmung ist gut, seine angespannten Muskeln haben sich entspannt. Aber in der Tür steht keine fremde Frau, keine Sybil Miller, nicht der aus Meerestiefen auferstandene Geist - - - sondern da steht lächelnd und aufgeräumt Julia Holt, die vor jugendlichem Schwung außer Atem ist. Sie ist für  die Abteilung erst vor mehr als einem halben Jahr, nach ihrem Universitätsabschluss, als Sekretärin eingestellt worden.  

Sie hält einen großen Stapel Akten in der Hand. Nicht auf den Mund gefallen berichtet sie gleich: „Die Redaktion hat neue Bücherlisten für die in diesem Monat neu erschienen Bücher herausgebracht. Die Design-Abteilung hat für die beiden Bücher „Fang den Mond“ und „Der falsche Weg“  die Entwürfe für die Titelseiten fertig. Bitte sehen Sie sich das einmal an. Die Vertriebsabteilung sagt, dieses „Bergstadt Tagebuch“ war erst nach zwei Jahren ausverkauft. Sie fragen sich, ob es noch einmal erscheinen soll? Die Buchhaltung hat schon die Umsatzstatistik fertig. Der Verkaufsschlager für nächsten Monat ist dieses „Die Mimose ist nicht scheu “. In einem Monat sind davon vierzigtausend Exemplare verkauft worden! Die Werbeabteilung ...“

Hört man die Aufzählungen ihres Berichtes, scheint es, dass sie noch ein paar Hundert weitere Sachen hat, die sie noch nicht erzählt hat. Aber heute ist sein Kopf nicht frei für Buchtitel, auch nicht für Titelseiten und Einbände oder Erscheinungstermine! Er kann sich ihr Geplapper nicht merken, kann ihrem Bericht nicht folgen. Er stoppt sie mit erhobener Hand und sagt freundlich: „Danke! Die Sachen können Sie auf den Tisch legen. Ich werde sie mir nach und nach ansehen!“

Julia Holt legt die Akten auf den Tisch, sie wirft ihm einen tiefen Blick zu, wendet ihn schnell wieder weg und sagt verantwortungsbewusst mahnend: „Jede Abteilung drängelt, es ist brandeilig!!“

 

Brandeilig? Wie kann das alles so brandeilig sein? Unwillkürlich runzelt er die Stirn. Julia Holt dreht sich taktvoll um und geht zu Tür. Als sie an der geöffneten Tür steht, dreht sie plötzlich den Kopf zurück. Sehr schnell sagt sie:

„Da ist noch eine besonders wichtige Sache, Sie haben doch das Manuskript von „Der Schwarze Engel“ zu ende gelesen? Die Autorin hat heute angerufen und gedrängelt. Wenn Sie es nicht haben wollen, hofft sie, es ganz schnell zurück zu bekommen. Sie sagt, andere Autoren sind erschienen und sie hofft, dass Sie es nicht in den Papierkorb geworfen haben!“

 

Der Schwarze Engel!  Ihm ist, als ob ein elektrisch geladener Blitz in seinen Kopf einschlägt. Der Schwarze Engel! Für dieses Manuskript, das ihm vom Verlag zugesandt worden war, hat er noch nicht einmal die Zeit gefunden, es durchzublättern. Jeder Schriftsteller hält sein Werk für das wichtigste. Er will nicht wissen, dass es eins unter Zigtausenden ist. Ein Rückstand von über einem halben Jahr, von Manuskripten, die er noch nicht angerührt hat. Es gibt einfach zu viele. Nur, „Der Schwarze Engel“, ist dieser Titel wirklich so besonders? Warum ist ihm dieser Titel so vertraut? Plötzlich kommt ihm eine Ahnung: war da nicht was? Blitzschnell eilt er zum Tisch. Gehetzt blättert er eilig durch die Akten auf dem Tisch, Manuskripte, Entwürfe --- ängstlich fragt er: „Dieser „Schwarze Engel“ wo liegt der bloß?“

 

„Sie haben die Manuskripte in den Schrank gelegt“, sagt Julia Holt und geht zum Schrank. Sehr schnell hat sie das Manuskript herausgefunden und bringt es ihm. Er setzt sich auf den Stuhl vor dem Tisch. In höchster Eile zieht er das Manuskript aus der Hülle und sieht es an.

Julia Holt ist leise hinausgegangen und genauso leise wieder ins Zimmer gekommen. Er hat sie überhaupt nicht bemerkt. Er hofft, dass er in dem Stapel Manuskripte einen Hinweis  findet. Sehr durchschnittliches Manuskriptpapier. Jedes Fachgeschäft für Schreibwaren in Taiwan verkauft es. Auf dem Manuskript ist der Bewertungsbogen der Redaktion. Erst nachdem es drei unterschiedliche Personen beurteilt haben, bekommt er das Manuskript zur Entscheidung. Auf diesem Bewertungsbogen sind äußerst dicht die Eindrücke der drei Personen geschrieben. Er hat die Seite  übersprungen. Er schaut auf den Titel, auf den Namen des Schriftstellers - - -  Deep Dagger.

Deep Dagger – ein männlicher Schriftstellername oder ein Pseudonym?  Ein ziemlich kämpferisch klingender Name, ein Name, den er noch nie gehört hat. Deep Dagger hat aber den Schwarzen Engel eingereicht, er schickt den Menschen gleich alles auf einmal: Pest, Krieg und Tod. Jetzt hat er die Seite gefunden. Auf dem Titelblatt liest er einige Sätze:

 

„Wenn der Abendwind durch die Fenstergitter streicht,

 wenn der nächtliche Nebel die Erde umhüllt

 und der Mann plötzlich verlassen - einsam aufwacht,

 steht der Schwarze Engel vorm Fenster und lächelt ihm zu“

 

Sein Blick bleibt an den Sätzen hängen, ohne zu wissen warum. Ein kalter Hauch kriecht seinen Rücken hoch. Für einige Sekunden ist er erschrocken. Diese Handschrift ist ihm so vertraut! So vertraut, dass es ihm Furcht einjagt. Schnell holt er den heute Morgen erhaltenen Brief heraus. Noch einmal zieht er den weißen goldumrandeten Briefkopf heraus. Er prüft jetzt bewusst den Briefkopf und die Handschrift auf dem Papier; sie ist es! Das ist die Handschrift von ein und demselben Menschen. Genauso wohlgeformt und klar, genauso elegant und ungezwungen natürlich.

 

 

 

3

 

Genau so, vor langer, langer Zeit hat er diese Handschrift schon einmal gesehen! Es ist sogar dieselbe schwarze Tinte! Heutzutage gebrauchen die Leute Kugelschreiber. Gibt es noch welche, die mit Tinte schreiben? Er ist wie betäubt. In seinem Kopf ist ein Chaos, ein Durcheinander wie auf einem Schlachtfeld  und dann --- Panik.  Ganz schön lange, eine ganze Weile. In seinem Kopf ist alles blank. Da liegt er, vor seinen Augen, auf dem weißen Briefpapier: der kleine Schwarze Engel. Er sieht fast wie ein lebendiges Wesen aus, das sich dreht und auf dem Sprung ist.

 

Er hört und sieht nichts und darum hat nicht bemerkt, dass sie unbemerkt ins Zimmer gekommen ist. Er hat weder das Öffnen der Tür gehört, noch die Stimmen, die von außen hereindrängen. Doch nun hebt er den Kopf und sieht, wie sie vor dem Tisch steht. Mit weit geöffneten Augen fixiert er sie. Ungläubig blickt er auf die schlanke Silhouette, er muss sich nicht vorstellen. Jeder Satz ist überflüssig. Er weiß wer sie ist – Sybil Miller. Oder aber: nicht Sybil Miller sondern Deep Dagger.

 

Da steht sie, mit sehr geradem Rücken, Schulter und Taille schlank und schön gebogen. Sie trägt einen schwarzen gestrickten Pullover, schwarze lange Cordhosen, in der Hand hält sie einen langen schwarzen Umhang. Ihr Hals ist außergewöhnlich lang und schmal und das unterstreicht ihren edlen Kopf. Edel, ja. Er hat bei noch keinem Menschen einen so natürlichen, angeborenen Adel gesehen. Ihre  schwarzen Haare sind locker zerzaust in einer Hochsteckfrisur auf dem Kopf zusammengehalten und unterstreichen vorteilhaft ihre große schlanke außergewöhnliche Erscheinung. Ihre hellen Wangen, die gerade Nase, ihre Augenbrauen und Schläfen! Und ihr Blick leuchtet. Ihre Mundwinkel zeigen ein reserviertes Lächeln, das er aus der Vergangenheit kennt. Außer einer sehr langen Perlenkette um den Hals  trägt sie keinen anderen Schmuck. Sie wirkt leicht erschöpft, aber trotzdem hat sie eine solche eine Ausstrahlung, etwas so Begeisterndes, so etwas Außergewöhnliches, das sie sein Büro zum Strahlen bringt. Alles andere erscheint auf einmal engstirnig und ungehobelt.

Er holt tief Luft, zwinkert und schaut sie noch einmal an. Plötzlich bemerkt er, dass seine Kehle ganz trocken ist, so trocken, dass er nicht sprechen kann. Dieses wunderschöne Gesicht, dieses geschmeidige Kinn, diese Augenbrauen ---- als gehörten sie zu einer anderen Frau. Ja, andere Frauen sind nicht so edel, nicht so wunderschön, nicht so besonders und abgestumpft. Andere Frauen lachen, weinen, schreien laut vor Lust. Andere Frauen sind leidenschaftlich wie ein loderndes Feuer, zerbrechlich wie dünnes Eis. Nein, nein, so ist diese Frau nicht. Sie ist Sybil Miller, das ist Deep Dagger, sie ist --- der Schwarze Engel.

 

„Du ---„ sie öffnet plötzlich den Mund, ihre Stimme klingt tief und weich, sanft und einnehmend. „Ist das deine Vorbereitung, mich ununterbrochen anzustarren und mir keinen Platz anzubieten?“

Er erwacht aus seiner Erstarrung. Als er aus diesem konfusen, tranceartigen Traum aufwacht, schüttelt er den Kopf, gibt er sich einen Ruck, macht er sich Mut. Er will alles in seiner Macht Stehende tun, den Druck abzuschütteln, der seit heute früh an auf seinen Schultern liegt. Er zwinkert wieder mit den Augen, sieht sie aufmerksam an. Er bemüht sich zu lächeln --- und merkt dabei selber, dass dieses Lächeln widerwillig und gequält ist.

„Du musst mir verzeihen. Du hast mich erschreckt.“ Er spricht, und seine Kehle ist weiterhin nicht nur trocken, sondern er ist auch verärgert. Er findet seine Ausdrucksweise unbeholfen, als wiederhole er Auswendiggelerntes.

„Wieso habe ich dich erschreckt?“, fragt sie. Ganz leicht zieht sie die Augenbrauen hoch, ihre Augen sind tief-dunkel wie der Nachthimmel, man weiß nicht, wie tief der ist und was er noch alles mit sich trägt. „Ich habe an die Tür geklopft, wahrscheinlich hast du es nicht gehört, deine Sekretärin, Frau Holt, hat gesagt, dass du mich erwartest.“ Er steht auf, steht genau ihr gegenüber. Sie sehen sich eine Weile an. Schließlich stellt er sich mutig der „das-was-ist-Realität. 

„Ich weiß nicht, ob ich dich erwartet habe“, sagt er. Die lächelnden Mundwinkel sind verschwunden, er mustert sie aufmerksam. „Eigentlich habe ich Sybil erwartet. Die von England kommt, aber, unerwarteter Weise hat sich Sybil Miller in einen anderen Menschen verwandelt, in einen Autor, der sich Deep Dagger nennt.“

 

Ihr Blick wandert zum Schreibtisch, dem dort ausgebreiteten Manuskript und dem Briefpapier. Sie zögert eine Weile, hebt dann den Blick wieder, ihre Augen schimmern wässrig, doppeldeutig lächelt sie sanft. Aber dieses Lächeln hat keine Wärme, sondern es ist spröde, fast melancholisch. Sie seufzt tief.

„Das ist es, worüber du so erschrocken warst?“

 „Das kann sein.“

 

Sie sieht ihn zurückhaltend an. „Du bist ein bedeutender Verleger, nicht wahr? Viele Schriftsteller schicken ihre Werke, nicht wahr? Das ist doch wohl nichts Besonderes. Aber, offensichtlich ------„ sie senkt ihren Blick. „Wenn ich dich nicht daran erinnert hätte, dass Deep Dagger mit Sybil Miller identisch ist, hättest du den Schwarzen Engel nicht angesehen. Sagen wir von einem John Smith beispielsweise, hättest du das Manuskript nie aus dem Schrank geholt. Wie viele Menschen setzen alle ihre Hoffnung in dich, wie jener John Smith.

Er sieht sie lange an. Dieser bohrende und kritische Blick, diese Stirn, dieser nicht zu übersehende verletzte Stolz, diese zusammengepressten Lippen. Dennoch, empfindsam und sanft in ihrer Verletzlichkeit. Dieses Zarte erreicht ihn plötzlich fast schmerzlich tief im Innersten seines Herzens. Das ist unglaublich!

 

„Es tut mir sehr leid.“ Wie gebannt schaut er sie an. Diese Stirn, diese Augen, dieser Nasenrücken, dieses Kinn, diese Lippen --- ach du lieber Himmel! Wird das eine Zweitauflage! Mit Mühe zwingt er sich, wieder klar zu denken. „Ich darf anderer Leute Hoffnungen nicht einfach umwerfen, sie versetzen. Meine Mitarbeiter erinnern mich immer wieder ---“

„Ich habe verstanden“, sie unterbricht ihn schnell. „Du hast eine sehr gute Sekretärin, hübsch und klug.“ Als sei das die Antwort auf ihre Bemerkung, geht die Tür auf und Julia Holt kommt herein. In der Hand hält sie ein Tablett mit zwei Tassen mit kochend heißem Tee. Mit lächelndem Gesicht blickt sie Arthur Brown und Sybil Miller an. Fröhlich lächelnd sagt sie: „Anna hat heute um Urlaub gebetenIch nehme ihre Rechte wahr. Sie merkt, dass beide neben dem Schreibtisch stehen. Sie blickt Arthur Brown prüfend an. „Sie haben Frau Miller nicht gebeten auf dem Sofa da Platz zu nehmen?“  

Der Satz hat Arthur wieder in die Wirklichkeit geholt. Also, diese Fauxpas heute! Ja, seit dem Erhalt von Sybils Brief heute Morgen ist er nicht mehr „normal“ gewesen. Zu viel Unvorhergesehenes, zu viele Überraschungen, zu viele Verwechslungen, zu viele Erinnerungen. Das hat ihn konfus gemacht. Betroffen geht er zum Sofa. Das ist sein persönlicher Raum in seinem Büro. Außer einem großen Bücherregal, einem großen Schreibtisch und einem großen Bücherschrank dazwischen, steht da auch ein ledernes Sofa nahe vor dem Fenster. Er sagt zu Sybil: “Setz dich doch!“

Sie geht leichtfüßig und anmutig zum Sofa. Jede ihrer Bewegungen durch und durch natürlich. Sie setzt sich, legt den schwarzen Umhang über die Rückenlehne des Sofas. Julia stellt den Tee hin und lächelt Sybil Miller offen und freundlich an. Sybil dankt ihr mit einem Nicken, dann dreht sich das lebhafte Mädchen um und verlässt den Raum.

Sybil sieht sich um und seufzt leise: „Ich stelle fest, du hast ein Königreich ganz für dich.“

„Jeder Mensch hat ein Königreich ganz für sich.“ Ihm fällt keine andere Antwort ein. „Ob das Königreich klein oder groß ist, das liegt nicht an der Umwelt, sondern entspringt dem Edelmut der eigenen Gedanken.“

 

 

 

4

 

In ihren Augen blitzt ein seltsames Leuchten auf, das sich auf seinem Gesicht fest macht. In dieser betonten Weise angesehen zu werden, stört ihn, es gibt ihm das Gefühl, als sähe sie durch ihn hindurch, ja, als würde sie über ihn richten. Dieses Augenpaar ist gründlich, schwer einzuschätzen und durchdringend scharf. Wie alt ist sie? Er rechnet in Gedanken nach, erinnert sich, zweiundzwanzig? Dreiundzwanzig? Sie sieht reifer aus als ihr tatsächliches Alter ist. Im Ausland aufgewachsene Kinder sind im Vergleich zu denen im Inland aufgewachsenen immer frühreif. Und erst recht ist man dann mit Zwei- oder Dreiundzwanzig   vollkommen erwachsenen.

 

„Worüber denkst du nach?“ fragt sie.

 

„Über dein Alter“, gesteht er als Antwort, versunken in seine Erinnerungen. „Wenn ich mich nicht irre, bist du jetzt zweiundzwanzig und ein halbes Jahr alt. Im Oktober wirst du erst dreiundzwanzig. Ja ---.“ Er beißt die Zähne zusammen, in seiner Brust fühlt er einen dumpfen Schmerz. „Damals, jeden Oktober haben wir für dich Geburtstagsgeschenke vorbereitet. Dein Geburtstag ist -----“  Seine Augen glänzen: „der einundzwanzigste Oktober!“

 

Ihre Augen leuchten auch, aber sehr schnell senkt sie den Blick wieder, verbirgt das Aufflackern. Nach einer langen Zeit hebt sie den Blick. Der Ausdruck ist wieder bedrohlich und unberechenbar.

 

„Komisch, dass du das nicht vergessen hast!“ sagt sie. Ihre Stimme zittert leicht. Ich denke, heute Morgen, als du meinen Brief bekommen hast, hast du vielleicht gedacht, Sybil Miller, wer ist denn das?“

 

„Du ------“, er ist gespannt, wie es weitergeht, sein Gesicht ist wie eine Maske, er starrt sie an, hitzig sagt er mit tiefer Stimme: „Sybil, warum bist du eigentlich so gefühllos? So grausam? So ruhig? Wieso hast du mich deinen Flug nicht wissen lassen? Warum hast du mich nicht eine Unterkunft suchen lassen? Warum bist du hier so sang- und klanglos aufgetaucht? Du ---- ausgerechnet, ein schwarzer Engel ist gekommen und hat mich hereingelegt! Sybil, du bist so mysteriös, so komisch, so kalt --- du ---du --- bist du wirklich unsere geliebte kleine Schwester? Die in die Fremde verbannte kleine Schwester? Die, über die wir jeden Tag geredet und gelesen haben? Die kleine Schwester?“

Tränen schießen ihr in die Augen. Ihre Augen sind ganz feucht. Auf dem reinen glatten Teint

ihrer Wangen entstehen sofort zwei rote Flecken der Schamröte. Sie dreht den Kopf weg, schaut aus dem Fenster, unbewusst hebt sie die Hand und zeichnet mit dem Finger auf die Fensterscheibe. Aufgrund des großen Unterschiedes von Innen- und Außentemperatur ist das Fenster beschlagen. Absichtslos schreibt sie auf diesen Fensternebel Wörter, verschwommen flüstert sie: „Ich bin nicht mysteriös, ich bin schon vor drei Monaten nach Taipeh zurückgekehrt -----“

„Drei Monate!“ schreit er aufgebracht, überrascht und wütend.  „Erst nach drei Monaten informierst du mich darüber! Wo wohnst du?“

Ich habe eine kleine möblierte Wohnung gemietet, sehr geschmackvoll und gemütlich.“ Sie malt immer noch auf das beschlagene Fensterglas. „Jeden Tag habe ich gedacht, soll ich oder soll ich dich nicht besuchen. Wenn ich dich besuchen will und anrufe, wie soll ich dich nennen? Sage ich zu dir ---- Arthur? Oder sage ich zu dir ---- Schwager?!

Er hält die Teetasse in der Hand. Als sie das Wort „Schwager“ ausspricht, zittert seine Hand, Wasser schwappt über den Tassenrand und spritzt auf seine Kleidung. Er zittert so sehr, dass er die Teetasse abstellen muss. Die Tasse stößt an den Tisch und macht einen glockenreinen Klang.

Er richtet sich stocksteif auf, es ist, als wehte schleichend ein kalter Wind durch das Zimmer um ihn herum. Er holt eine Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche, nimmt eine Zigarette. Dreimal muss er das Feuerzeug anreißen, dann erst kann er die Zigarette anzünden. Er stößt eine große Menge Zigarettenrauch aus und sieht ihm nach. Ihr Kopf ist immer noch weggedreht. Sie zeichnet immer noch aufs Fenster und dreht den Kopf nicht zu ihm zurück. In sich versunken flüstert sie weiter:

„Ich habe meine große Schwester auf dem Friedhof besucht. Du hast ein schönes Grab anlegen lassen, aber auf dem Grabstein steht geschrieben: ’Grab von Amanda Brown’.  Ich weiß aber, dass sie nicht das Glück hatte, von dir geheiratet zu werden. Deswegen kann ich dich nur Arthur Brown nennen und nicht Schwager.“ Sie dreht den Kopf zu ihm und sieht ihn an. Ihre Augen sind so klar wie schwarze Kristallkugeln und spiegeln in kaltem Glanz alle Arten von Fremdsein.  „Arthur Brown“,  sagt sie leise, „ich bin sehr froh, dich wieder zu sehen.“

Er sieht sie einige Sekunden lang an. „Gut“, er seufzt, Rauch kommt aus seinen Nasenlöchern, unsicher hält er die Zigarette, er starrt dem aufsteigenden Rauch nach. „Sybil“, widerstrebend, betrübt, unklar sagt er: „Was deine große Schwester betrifft, uns verband sehr viel, das würdest du alles überhaupt nicht verstehen! ----“

„Ich weiß“, sie unterbricht ihn. „Ich habe gehört, meine Schwester war sehr nachgiebig, warum solltest du ihr da leid tun?“

Er ist schockiert, auf den Schreibtisch fällt ein Stück Zigarettenasche, er fixiert es wortlos. „Natürlich, „sagt er ernst, „ich habe ihr nie leid getan, sie war zu nett, um einer Ameise etwas anzutun, wie könnte sie da etwas tun, das sie bedauern müsste!“

Sie zieht die Augenbrauen leicht hoch. Die schwarzen Kristallkugeln funkeln.

„Gut“, sagt sie, „wir müssen nicht als Erstes über meine Schwester reden. Die ist ja bereits gestorben. Was vorbei ist, ist vorbei ---.“ Sie schaut auf die Zigarette in seiner Hand. „Kann ich vielleicht eine Zigarette haben?“

„Du rauchst?“ Er ist überrascht, in seinem Ton schwingt leichter Tadel mit.

„In London rauchen schon vierzehnjährige Mädchen“, sagt sie leichthin, nimmt die Zigarette aus seiner Hand und zündet sie geschickt an. Er sieht ihr zu. Sie macht einen Zug, sie raucht gekonnt und elegant.

„Hat meine Schwester geraucht?“, fragt sie plötzlich.

„Ja.“

„Ja?“ sie ist überrascht. „Ich hätte gedacht --- sie würde auf keinen Fall rauchen.“

 „Warum?“

„Weil, das ist doch klar, du willst doch nicht, dass Mädchen rauchen. Du willst so etwas nicht und darum hat sie es nicht gemacht.“

 Er ist verwundert. „Woher weißt du, dass ich nicht gut finde, wenn Mädchen rauchen?“, fragt er.

„Stimmst du mir zu?“ fragt sie zurück.

„Nein. Aber du hast eine beeindruckende Beobachtungsgabe. Ich mag tatsächlich nicht, dass Mädchen rauchen, weil ich an ihren Fingern die gelben Stellen vom Rauchen nicht mag“. Ohne sich dessen bewusst zu sein, beobachtet er weiter, wie sie die Zigarette hält. An ihren schlanken weißen Fingern sind keine Rauchflecken. Sie riecht auch nicht nach Rauch.

„Ist meine Schwester gegangen?“ fragt sie.

Er runzelt die Stirn. Dann ist es, als würde er plötzlich aufwachen. Sie sitzt aufrecht, hebt das schöne Kinn, spricht wieder und sagt mit Nachdruck:

„Entschuldige mal, gerade haben wir gesagt, dass wir nicht über meine Schwester reden wollen. Ich bin heute überhaupt nicht als Amandas kleine Schwester gekommen. Ich habe mit dem Bücher-Schreiben begonnen, aber ----“. Sie seufzt leise: „Aber du hast mein Werk, mein Buch, mein Manuskript offensichtlich noch nicht einmal eines Blickes gewürdigt!“

„Ich  werde es ansehen!“ sagt er schnell: „Gib mir ein bisschen Zeit!“

„Du hast alle Zeit der Welt. Ich werde weiter in Taiwan bleiben.“

 Er sieht sie irritiert an. „Ich dachte, du studierst Schauspiel. Ich dachte, du trittst in London auf der Bühne auf.“

„Ich bin bereits aufgetreten“, sagt sie und fährt fort „Ich bin in der „Mausefalle“ aufgetreten und auch in „Superstar“. Alles Spitzenrollen und Stücke, die in London phantastisch laufen. Ich hatte es satt, darum bin ich nach Taiwan zurückgekommen. Ich wollte eine Lebensveränderung.“

„Bist du allein zurückgekommen?“

„Ja.“

„Warum hast mich nicht vorher informiert?“

„Ich bin es gewohnt, allein zu sein.“ Sie sieht auf die glühende Zigarettenspitze. „Auch in diesen Jahren in London war ich allein. Meine Mutter - - - .“ Sie überlegt eine Weile und drückt dann die Zigarette aus. „Sie und ihr Mann und ihre Kinder haben immer in Manchester gewohnt.“ Sie hebt den Kopf und sieht ihn an. Plötzlich wechselt sie das Thema. „Störe ich dich eigentlich sehr? Ich weiß, du bist ein sehr beschäftigter Mann! Ich glaube: wenn ich rücksichtsvoll sein wollte, dann sollte ich mich jetzt verabschieden.“ Sie steht auf und greift nach ihrem Umhang.

Blitzschnell stellt er sich ihr in den Weg. „Wage es, zu gehen!“ ruft aufgebracht.

„Wie?“ Sie hebt den Kopf und sieht ihn verblüfft an.

„Wenn du jetzt nicht mit mir zum Lunch gehst, wenn du mir nicht dein Leben während all dieser Jahre erzählst, wenn du mich nicht dahin mitnimmst, wo du jetzt lebst, wenn du mich dich jetzt nicht besser kennen lernen lässt - - -.“ Er hat laut und ohne Unterbrechung gesprochen. „Schlag dir aus dem Kopf, dass ich dich gehen lasse!“

 

Ihre Augen sind weit geöffnet und strahlen hell, einen Moment bleiben ihre Blicke auf ihn gerichtet, ihre Mundwinkel sind leicht nach oben gezogen, ein eher trauriges Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Ihre Augenlider zucken, wie von einem Schleier scheinen sie plötzlich getrübt. Ihr Mund ist halb geöffnet, es dauert eine ganze Weile bis ein Ton heraus kommt: „Du siehst eigentlich nicht aus wie ein kaltherziger Heuchler, ich habe nachgedacht. Bist du ein Gott oder ein Teufel? Warum hast du dich von meiner Schwester in dieser Weise lieben lassen? Jetzt habe ich es ein ganz klein bisschen begriffen - - - .“ Der Nebel in ihren Augen wird schlimmer. „Arthur Brown“, sagt sie klar und leise „Wie hast du sie sterben lassen können?“

 

Er dreht sich schnell weg, so dass sie sein Gesicht nicht sehen kann. Er atmet in kurzen abgehackten Atemzügen, seine Muskeln scheinen sich zu spannen und der ganze Körper bebt von Gefühlen überschwemmt. Da fühlt er eine zarte warme Hand, die ihn leicht berührt. Er zuckt unwillkürlich zusammen. Ist diese Hand elektrisch geladen? Kurz danach klingt ihre Stimme wie eine sanfte Brise neben seinem Ohr und sagt ruhig: „Ich habe gehört, Taiwans Szechuan Küche ist die beste. Lade mich ein, Szechuan Küche essen zu gehen, ok?“

 

Er wendet ihr wieder den Blick zu. Sie hat ihren langen seidenen schwarzen Mantel schon angezogen. Sie ist ganz in Schwarz getaucht, aber das weiße Gesicht ist gerötet, die kleinen Lippen sind rot. Das erinnert ihn an Worte aus dem Altertum: „Lippen betonen nichts und sind doch rot, Augenbrauen zeichnen nicht und sind doch grün! Dies und dazu diese Augen, die über das ganze Gesicht hin strahlen, fast wie ein heiliges Lächeln.... Meine Güte! Wie sehr sie  ihrer Schwester gleicht! Wie sehr sie doch ihrer Schwester gleicht! Sie ist so elegant wie eine Götterstatue und ihr Lächeln gleich dem eines Engels! Du liebe Güte! Er denkt schockiert: der Schwarze Engel! Was bedeutet der Schwarze Engel? Freude oder Sorge? Das Gute oder das Böse? Glück oder Unglück? Er schüttelt den Kopf, über diese Fragen will er jetzt nicht nachdenken.

 

Er streckt seine Hand aus und legt sie ihr leicht auf die Schulter.

„Los, gehen wir!“ sagt er.

 

 5

 

 2. Kapitel

 

Das Café ist klein und erlesen, es ist neu eröffnet und liegt in der Oststraße. Die Einrichtung ist elegant und gepflegt, weiß umrandete Holzbalken, Kerzenständer aus Holz, Tische und Stühle aus antikem Holz. Man fühlt sich wie ein Inselbewohner einer griechischen Insel.

 

Arthur und Sybil sitzen in einer Ecke des Cafés. Da sitzen sie schon sehr, sehr lange. Durch das Fenster haben sie einen Blick auf die Straße. Sie haben bereits gegessen und sitzen immer noch zusammen dort im “Artimesia.“  Ein sehr griechisches Café, das auch den Namen einer griechischen Göttin hat.

 

Über der Straße liegt ein erster Schatten der Dämmerung. Ein Wintertag ist immer besonders kurz, heute scheint er noch kürzer als gewöhnlich. Sybil lehnt sich gegen das dicke Stuhlkissen und schaut gedankenverloren aus dem Fenster auf die vorbeifahrenden Autos. Einige haben bereits die Scheinwerfer angeschaltet, die Lichter huschen vorüber und werfen  einen Heiligenschein um ihr Gesicht. Ihre Finger schnippen an einem silbernen Feuerzeug mit schwarzen Rändern, es stößt gegen die Holztischpatte und macht Tuk Tuk Tuk, ein Geräusch scheinbar im Rhythmus ihrer Erzählung. Sie spricht leise und ruhig, unbeirrt und selbstverständlich, aber am Grund dieses ruhigen Tones mit all seiner Selbstverständlichkeit liegen eine unerklärliche Traurigkeit und ein Hauch von Hilflosigkeit.

 

„Ich denke oft, vielleicht hätte ich damals in Taiwan bleiben und mit meiner Schwester zusammen leben sollen. Aber das ist eben nicht passiert. Wie auch immer, in dem Jahr studierte Amanda bereits und ich war erst 14 Jahre alt. Das Schicksal wollte es, dass sich meine verwitwete Mutter in einen Engländer verliebte; das Schicksal wollte die Trennung von Mutter und Töchtern. Das wurde nicht diskutiert. Ich glaube, Mama und Amanda haben beide darunter gelitten. Amanda war uneinsichtig und verliebt, sie konnte Mama nicht verzeihen, dass sie einen Ausländer geheiratet hatte. Oder sie hatte Papa noch intensiver in Erinnerung oder sie hatte vielleicht auch noch diese konservative chinesische Sichtweise, dass das Leben einer Frau nach dem Tod des Ehemannes vorbei ist. Kurz gesagt, mein Eindruck ist, meine Schwester war äußerlich nachgiebig und weich, aber innerlich rigide und konventionell.“ Sie sieht zu ihm hoch und fragt leichthin: „Kann das sein?“

 

Er stößt eine Rauchwolke aus, denkt nach aber antwortet nicht. Sie wartet auch auf keine Antwort und redet weiter: „Mit einem Wort, wir kamen in England an, alles war schwieriger als erwartet, mein Stiefvater war nicht wohlhabend, er war oft arbeitslos, meine Mutter schenkte ihm in vier Jahren drei Kinder. Das war echt super. Zwei Jahre waren sie ganz klein, danach veränderte sich alles in eine typisch britische Familie und ich wurde zum einzigen Missklang in der Familie. Nur Gott weiß, wie traurig das damals war. Die jüngeren Geschwister nahmen die ganze Energie meiner Mutter in Anspruch. Ich war wie eine verlassene einsame Wildgans. Mir blieb nur Amanda und sie schrieb mir immer, tröstete mich, machte mir Mut; sie war meine moralische Stütze.“

 

Sie hält inne, trinkt einen Schluck Kaffee und schaut ihn an. Leise sagt sie: „Warum sage ich dir das, du weißt doch alles, oder?“

 

Er nickt und sagt: „Ich weiß es, aber ich möchte es aus deinem Mund hören.“

 

Sie denkt nach, nimmt eine Zigarette heraus, er gibt ihr Feuer. Sie raucht anmutig, ihre sanften Bewegungen machen aus dem Rauchen eine Kunst. Er betrachtet sie intensiv; diese lässige europäische Eleganz, diese unergründlich tiefen Augen, diese detaillierte Art zu erzählen - - - nein, sie ist nicht wie Amanda! Er fixiert sie von neuem, dieses leicht Sorgenvolle in ihren Augen, diese Hilflosigkeit um ihren Mund, diese gerunzelte Stirn - - - nein, das ist Amanda!

„Nein, ich werde jetzt nicht mehr mit dir über Sachen reden, die du bereits weißt.“ Sie schüttelt den Kopf und sagt dann: „Und dann, eines Tages fängt das an, Amandas Briefe sind voll mit deinem Namen, deiner Körpergröße, deinem Alter, deinem Gewicht, wie viele Haare du auf dem Kopf hast, wie erlesene Zellen du hast, deinem Humor, deinen Talenten, deiner harten Arbeit, deinen Absichten, deinem Wissen, deinem guten Aussehen, deinem Chic - - - , deinem - - - alles, alles von dir! Du bist der größte unter den Menschen, du bist der Gott des Pantheons!“

Sie hat in einem Atemzug gesprochen, so flüssig, so ohne jede Pause, ihre Serie von Sätzen klang wie von einem Kanonenboot abgefeuert und tut jedem Nerv in ihm weh. Unwillkürlich lehnt er sich tief zurück ins Sofa als wollte er sich dort verstecken. Aber er kann dem Schmerz  nicht entkommen, er runzelt die Stirn und schließt die Augen. Tief in seinem Herzen ist eine zarte Stimme, die flüstert: Amanda! Amanda!

 

„Weißt du eigentlich dass du damals nicht allein Amanda gehört hast, sondern auch mir?“

 

Sie hat aufrichtig gesprochen. Er öffnet die Augen und sofort berührt ihn ihr strahlender Blick.

 

„Obwohl ich erst Sechzehn war, war ich in Gedanken erfüllt von deinem Bild. Jeden Abend, während des Abendgebets mit meiner Mutter und meinem Stiefvater, waren nur du und meine Schwester in meinem Gebet! Dann ist mein Leben schwieriger geworden. Ich musste ein Studium oder eine weiterführende Ausbildung wählen, und wieder waren es Amanda und du, die mich retteten. Ihr habt mich gerettet und mir für eine meine weitere Ausbildung Geld geschickt. Immer wieder habt ihr mir Geld geschickt. Taiwan Dollars umgerechnet in britische Pfunde, mein Studiengeld war luxuriös!

 

Ich lebte in London und studierte Schauspiel. In jedem Brief schreibt mir Amanda, dass eure Karrieren erfolgreicher werden, dass die geringen Studiengebühren keine Rolle spielen. Keine Rolle spielen! Wie können die keine Rolle spielen?“ Sie mustert ihn kritisch. „Ich habe mir selber immer gesagt, dass dieses Geld nur geliehen ist, dass ich es zurückzahlen muss.  Ich habe mit ganzem Einsatz studiert, tagsüber, und meinen Abschluss geschafft. Abends war dann immer der heftige Kampf mit meinem Chinesisch. So habe ich mein Chinesisch nie verloren.“

 

Er denkt an das Buch, das immer noch auf seinem Schreibtisch liegt, den “Schwarzen Engel“. Er denkt an die Inschrift auf der Titelseite und nickt. Dein Chinesisch ’nie verloren’? Erheblich mehr als ’nicht verloren’, sagt er: „du hast geradezu chinesische Literatur studiert, oder?“ „Ja, ich habe den „Traum der Roten Kammer“ gelesen, ich habe Lao She gelesen, Xu Zhimo und auch „Seltsame Geschichten“ von Liao Zhai. Ich habe sehr viele chinesische Bücher gelesen.“

 

Er schweigt. Bewundernd sieht er sie an.

 

„Dann plötzlich wurden Amandas Briefe seltener, nach und nach immer seltener. Nicht nur seltener, sondern auch kürzer. Aber sie schickte immer noch Geld, jeden Monat schickte sie es. Sie möchte unbedingt, dass ich hart arbeite. Könnte man sich auf der ganzen Welt eine bessere große Schwester vorstellen? Und dann, das nächste Mal, bekomme ich keinen Brief von meiner Schwester, sondern nur den monatlichen Scheck. Ich denke, Amanda heiratet bald, sie ist sicher damit beschäftigt, ein neues Haus einzurichten. Sie ist damit beschäftigt, meinem zukünftigen Schwager zu helfen seine Karriere voranzubringen, sie hat nicht mehr so viel Zeit, ihrer kleinen Schwester Briefe zu schreiben - - - . Ganz zu schweigen, dass ich zu der Zeit auch sehr beschäftigt bin. In Anspruch genommen von der Prüfung, den Proben, davon, einen Partner zu finden, tanzen zu gehen, in den Mode-Geschäften herumzustreifen - - - “.

 

Sie drückt die Zigarette aus und stützt ihre Stirn in der Hand, die Traurigkeit in ihren Augen wird größer. Als ich die Prüfung bestanden hatte, habe ich an dich und meine Schwester ein Telegramm geschickt. Danach erst habe ich einen Antwortbrief erhalten, deinen Antwortbrief - - - “

 

Sie hebt den Blick und sieht ihn an, ernst und feierlich. „Da erst erfahre ich, dass meine Schwester schon ein halbes Jahr tot ist. Diesen Brief werde ich immer behalten, weil er so schön ist, so gut, so verzweifelt.“

 

Er sieht sie ihren betroffener Blick, die feinen Lippen, er sieht diesen unterdrückten Schmerz  - - - Plötzlich richtet er sich auf und sagt laut: „Sprich nicht über diesen Brief! Sprich nicht über deine Schwester! Sprich über dich! Warum hast du mir hinterher keine Nachricht zukommen lassen?“

 

„Über mich sprechen?“ Sie zieht die Augenbrauen hoch und spielt mit dem Feuerzeug. Über mich gibt es nichts zu sagen. Während vieler Jahre, von meinem vierzehnten bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr, egal, in meinen Gedanken und Vorstellungen oder bei allem, was wirklich passierte, alles hing von meiner großen Schwester ab. Obwohl wir getrennt waren durch Berge und Meere. Nachdem ich wusste, dass  Amanda tot ist, war die tragende Säule meines Lebens weggebrochen. Ich weiß auch, dass es Zeit für mich ist, allein klar zu kommen, selbständig zu sein. Danach habe ich eineinhalb Jahre fleißig  geübt, unabhängig zu sein.“

„Etwas genauer bitte.“

„Im Detail klingt es so einfach.“ Sie lächelt dünn und es ist auch Traurigkeit in ihrem Lächeln. „Ich bin Schauspielerin, ich habe gespielt, auf der Bühnen gespielt, kleine Rollen. Ich habe Geld verdient, verzweifelt Geld verdient. Ich habe hart gearbeitet, sehr hart, um Geld zu verdienen. Das war mein einziges Ziel, ausreichend Geld zu verdienen, um nach Taiwan zurückkommen zu können. Damit ich meine Schwester auf dem Friedhof zu besuchen kann und um meinen Schwager persönlich kennen zu lernen!“  Ihre Augen sind wie Wasser. „Nein, ich kann dich nicht Schwager nennen. Ich kann dich nur Arthur Wang nennen. Arthur Wang - - - “ Ihre Stimme ist leise wie im Traum.  „ Du Narr, warum hast du sie nicht geheiratet, bevor sie gestorben ist? Dann hätte ich in Taiwan einen Verwandten besuchen können!“

 

Er zittert leicht und ist berührt von ihren stillen, traurigen Augen. Seine Stimme ist plötzlich heiser: „Ich erinnere mich, dass ich dir das in dem Brief gesagt habe, sie ist gestorben an...“

 

"einer Herzkrankheit!“ beendet sie seinen Satz. „Gott hat in vielen Unglücksfällen etwas Gutes versteckt, er hat sie nicht länger leiden lassen. Sie ist sehr schnell gestorben.“

 

Seine Gesichtsmuskeln sind starr, er senkt den Kopf, er schaut auf die Kaffeetasse in seiner Hand. Der Kaffee ist schon kalt. Braune Flüssigkeit liegt auf dem Tassengrund wie auf einem weißen Magnet. Nicht die geringste Wärme. Plötzlich erinnert er Amandas letztes Gesicht, weiß, so weiß wie dieser weiße Magnet und auch so kalt wie diese Tasse. Er ist schaudert ihm. 

 

„Wirklich schlecht!“ Sie seufzt. „Der Kern unseres Gespräches lässt sich nicht vom Tod trennen.“ Gleichzeitig sieht sie ihn voll an. Mit gerunzelter Stirn, mitfühlend. „Ich verstehe, dass dieses Thema für dich nicht gut ist und auch nicht für mich.“ Se dreht sich zum Fenster und beginnt wieder automatisch auf das Glasfenster zu malen. „Lass uns über mich sprechen, ein paar ganz alltägliche Sätze. Ich bin wieder zurückgekommen, einfach so konnte ich dich das nicht wissen lassen, weil Amanda bereits vor zwei Jahren gestorben ist. Ich habe auch gedacht, du hättest inzwischen wahrscheinlich ein neues Glück gefunden - - - “ Sie macht eine Pause und fragt plötzlich: „Du hast es doch gefunden, oder?“

 

Er sieht sie an, er versteht sie, sie hat voll Mitgefühl gefragt.

 

„Zuerst musste ich durch ein Meer von Tränen, aber dann wusste ich auch, dass dieses schreckliche Unglück keine Regenwolke ist.“ Seine traurigen Gedanken sind so leise gesprochen, dass er sie nur selber hören konnte.

 

„Ich habe nicht verstanden, was du gemurmelt hast.“ Sagt sie „ Aber ich bin schon vor Monaten gekommen, Ich habe mich viel nach dir umgehört, in den vergangenen zwei Jahren hast du eine enorme Karriere gemacht. Du bist einer der Großen im Verlagswesen geworden. Alle Schriftsteller werden von dir weggeschnappt, du hast ein unabhängiges  großes Verlagsgebäude, eine Druckerei,  ein eigenes Vertriebsnetz, eine schöne Wohnung, einen Chevrolet- - - - nur eins hast du nicht, eine Ehefrau! Also, “ Ihre Stimme ist so weich wie ein Traum. „Hast du meine Schwester immer noch nicht vergessen, ist es das?“

 

Er beißt die Zähne zusammen und sagt nichts. Er hat sich gesammelt und sieht sie an. Drei Monate, sie ist vor drei Monaten gekommen und hat sich viel nach ihm erkundigt. Eine vage Angst hüllt ihn ein, Kälte steigt seinen Rücken hoch. Aber sie sitzt da, ruhig, elegant, edel, gepflegt und sanft. Er kann sich nicht vorstellen, was für eine ihr entsprechende Wohnung sie gefunden hat.

 

„Wenn du wieder verheiratet bist, werde ich dein friedliches Leben nicht weiter stören.“ Sie fährt fort: „Ich habe eine Wohnung gemietet, angefangen etwas zu schreiben, dann habe ich gedacht, ich sollte dich besuchen - - -  und so bin ich heute in deinem Büro aufgetaucht.“ Sie nimmt einen Schluck Kaffee, zwei saubere Reihen weißer Zähne sind leicht freigelegt, wie zwei Reihen Perlen. „Das ist  alles über mich. Weder mysteriös noch seltsam. Arthur, ist dir   mein Auftauchen unangenehm?

 

Er sieht sie an. „Ja,“ gesteht er ohne Umschweife.

 

„Warum?“

 

„Du hast viel Vergangenes wieder lebendig gemacht. Du hast eine Wunde wieder geöffnet, die schon verheilt war, mein Anstrengungen der letzten zwei Jahre haben sich in Nichts aufgelöst.“ Er starrt sie an und schüttelt den Kopf.

 

„Hat dir schon jemals jemand gesagt, dass du Amanda sehr ähnlich geworden bist?“

 

Sie nickt. „Ich weiß, Amanda hat mir oft Fotos geschickt und Mutter hat gesagt, dass ich mehr und mehr Ähnlichkeit mit Amanda bekomme und grundsätzlich ja auch nach dem gleichen Muster geschaffen wurde!“

 

Er mustert wieder ihre breite Stirn, diesen Mund, diese Lippen. Er macht einen tiefen Atemzug, irgendwo tut ihm etwas weh. Sie dreht sich wieder zum Fenster.

 

„Es ist schon dunkel“, sagt sie „das habe ich gar nicht bemerkt. Ich sollte jetzt gehen.“

 

„Ich möchte dich zum Abendessen einladen,“ sagt er sehr schnell.

 

„Es scheint immer ums Essen zu gehen.“ Sie lächelt. Dieses Lächeln ist lebhaft und zart. Zum Lunch hast mich zu Sechuan Küche eingeladen. Dann sind wir hierher gekommen und du hast mich zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Nein,  ich werde nicht mit dir zu Abend essen und so viel reden. Ich werde nichts mehr essen. Ich gehe nach Hause.“

 

„Nach Hause?“ Er ist etwas fassungslos.

 

„Falsch, falsch!“ Sie verbessert sich sofort. „Die Bedeutung von zu Hause ist nicht nur ein Platz zum Schlafen. Ich hatte all diese Jahre kein Zuhause. Ich bin eine einsame wandernde Gans. Jetzt möchte ich in diesen temporären Lebensraum zurückkehren. Kennst du das englische Lied? Es heißt: The Wild Goose on the Wing – Die Wildgans im Fluge?“

 

„Die Schwalbe im Wald?“

 

„Nein, nicht die Schwalbe, die Wildgans.“

 

„Nein, das kenne ich nicht.“

 

 „Weißt du? Die Wildgans ist eine Art Zugvogel, sein Körper ist sehr groß, normalerweise kann sie nur auf dem Gras neben einem Fluss leben oder im Sumpf. Aber es gibt auch Einzelgänger unter ihnen, die sich auf den Wipfeln des Waldes niederlassen. Das ist unglaublich, da können sie nur für kurze Zeit bleiben und es ist unmöglich, dort ein Nest zu bauen.“ Sie machte eine nachdenkliche Pause.