-  Übersetzung von Elisabeth Scherf

 

  begonnen am 3. Januar 2021

 

1

 

 

 

 

 

 Eine Wildgans auf dem Wipfel des Baumes

 

 von Qiong Yao

 

 

 

1. Kapitel

 

 

 

Arthur Brown steht am Fenster. Sein Kopf lehnt bewegungslos an der Fensterscheibe.

Er hat keine Ahnung wie lange er dort schon steht. Sein Blick starrt geistesabwesend durch das Fenster hindurch in die Wolken am Himmel. Die Wolkendecke hängt tief und schwer. Ein Winterhimmel. Immer diese öde Stimmung, dieses verschwommene Grau. Aber: der Winter, diese Wolkendecke und dieser verhangene Himmel, spiegeln die seine Stimmung?

 Ja! Schon morgens, kaum angekommen im Büro, nachdem ihm Juli Holt lapidar diesen Brief übergeben hatte, war seine Stimmung sofort durcheinander gewesen. Er fühlte sich wie ein Insekt im Winterschlaf, das plötzlich vom Stich einer spitzen Nadel brutal aufgeweckt wird und, noch schlafend, die tiefe Verletzung spürt und das tiefer, als er selbst gedacht hätte, sich krümmend und sich in sich selbst zurückziehend.

 Dieser Brief, weißer Briefumschlag, blütenweißes Briefpapier mit goldenem Rand. In  der Ecke des Briefpapieres gedruckt ein kleiner schwarzer Engel. Er hat noch nie einen solch eleganten Briefkopf gesehen. Im Brief  nur wenige getippte Wörter:

 

„Arthur, bin in Taipeh, möchte dich 10.1. vormittags 11 Uhr sehen.

 

Sybil“

 

 10. Januar, vormittags 11 Uhr! Heute ist genau der 10. Januar. Dass dieser Brief genau heute Morgen ankommt, scheint gut geplant.

Er sieht auf die Uhr, was für ein Morgen, er kann sich schon  nicht mehr erinnern das wievielte Mal er auf die Uhr schaut. 8 Minuten und 25 Sekunden nach 10 Uhr! Wartezeit – Wartezeit - Erwartungszeit. Immer schleppend und stagnierend! Erwartungsvoll? Ist er wirklich voll Erwartung? Hat er nicht viel mehr Lust wegzulaufen? Soll er weglaufen? Hat er dazu noch Zeit? Aber warum sollte er weglaufen? Gibt es da einen Grund vor ihr wegzulaufen?  „Bitte wählen Sie das Gewünschte.“ Das hat er schon hundert Mal gehört, tausend Mal, zwanzig Tausend Mal ---- aber ein Mensch, der einfach überrumpelt wird. „Bitte wählen sie nach Wunsch.“

Er hatte geglaubt, sie in seinem Leben nie wiederzusehen, sie nicht wiedersehen zu können, es gab keinen Schimmer von Hoffnung sie wiederzusehen. Aber sie? Jetzt, sang- und klanglos taucht sie auf.

 

 Er hatte nicht nur keine Ahnung, dass sie kommt, er hatte auch nie ihre Adresse. „Bin in Taipeh“, einfach so. Wann ist sie in Taipeh angekommen? Der Abstand zwischen England und Taiwan ist endlos lang. Wenn das Flugzeug einen ganzen Tag braucht, ist das eine Reise mit einem langen Weg. Sie kommt! Kommt sie allein? Aber ob sie nun allein kommt oder nicht, sie kommt  auf jeden Fall.

 

Gleich sofort wird er ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen – „Bitte wählen Sie das Gewünschte“ – ein Mädchen, das ihm fremd geworden ist. Fremd? Fremd? Ist sie wirklich eine Fremde für ihn? Er starrt durch das Fenster auf den Nebelschleier aus Wolkenbergen.

 

Er weiß selbst schon nicht mehr nach wie langer Zeit er aus diesen düsteren Gewässern wieder an der Oberfläche auftaucht. Plötzlich unterbricht jäh das Geräusch von Klopfen an der Tür die tiefe die Stille. Wie vom Donner gerührt erwacht er. Sein Herz fängt an zu rasen, am ganzen Körper spannen sich seine Muskeln. Er hört seine eigene Stimme wie sie mit heiserem aber festen Klang sagt: „Herein

 

 

Die Tür öffnet sich. Er ist sicher und ihm ist klar, was er jetzt sehen wird. Seine Stimmung ist gut, seine angespannten Muskeln haben sich entspannt. Aber in der Tür steht keine fremde Frau, keine Sybil Miller, nicht der aus Meerestiefen auferstandene Geist - - - sondern da steht lächelnd und aufgeräumt Julia Holt, die vor jugendlichem Schwung außer Atem ist. Sie ist für  die Abteilung erst vor mehr als einem halben Jahr, nach ihrem Universitätsabschluss, als Sekretärin eingestellt worden.  

Sie hält einen großen Stapel Akten in der Hand. Nicht auf den Mund gefallen berichtet sie gleich: „Die Redaktion hat neue Bücherlisten für die in diesem Monat neu erschienen Bücher herausgebracht. Die Design-Abteilung hat für die beiden Bücher „Fang den Mond“ und „Der falsche Weg“  die Entwürfe für die Titelseiten fertig. Bitte sehen Sie sich das einmal an. Die Vertriebsabteilung sagt, dieses „Bergstadt Tagebuch“ war erst nach zwei Jahren ausverkauft. Sie fragen sich, ob es noch einmal erscheinen soll? Die Buchhaltung hat schon die Umsatzstatistik fertig. Der Verkaufsschlager für nächsten Monat ist dieses „Die Mimose ist nicht scheu “. In einem Monat sind davon vierzigtausend Exemplare verkauft worden! Die Werbeabteilung ...“

Hört man die Aufzählungen ihres Berichtes, scheint es, dass sie noch ein paar Hundert weitere Sachen hat, die sie noch nicht erzählt hat. Aber heute ist sein Kopf nicht frei für Buchtitel, auch nicht für Titelseiten und Einbände oder Erscheinungstermine! Er kann sich ihr Geplapper nicht merken, kann ihrem Bericht nicht folgen. Er stoppt sie mit erhobener Hand und sagt freundlich: „Danke! Die Sachen können Sie auf den Tisch legen. Ich werde sie mir nach und nach ansehen!“

Julia Holt legt die Akten auf den Tisch, sie wirft ihm einen tiefen Blick zu, wendet ihn schnell wieder weg und sagt verantwortungsbewusst mahnend: „Jede Abteilung drängelt, es ist brandeilig!!“

 

Brandeilig? Wie kann das alles so brandeilig sein? Unwillkürlich runzelt er die Stirn. Julia Holt dreht sich taktvoll um und geht zu Tür. Als sie an der geöffneten Tür steht, dreht sie plötzlich den Kopf zurück. Sehr schnell sagt sie:

„Da ist noch eine besonders wichtige Sache, Sie haben doch das Manuskript von „Der Schwarze Engel“ zu ende gelesen? Die Autorin hat heute angerufen und gedrängelt. Wenn Sie es nicht haben wollen, hofft sie, es ganz schnell zurück zu bekommen. Sie sagt, andere Autoren sind erschienen und sie hofft, dass Sie es nicht in den Papierkorb geworfen haben!“

 

Der Schwarze Engel!  Ihm ist, als ob ein elektrisch geladener Blitz in seinen Kopf einschlägt. Der Schwarze Engel! Für dieses Manuskript, das ihm vom Verlag zugesandt worden war, hat er noch nicht einmal die Zeit gefunden, es durchzublättern. Jeder Schriftsteller hält sein Werk für das wichtigste. Er will nicht wissen, dass es eins unter Zigtausenden ist. Ein Rückstand von über einem halben Jahr, von Manuskripten, die er noch nicht angerührt hat. Es gibt einfach zu viele. Nur, „Der Schwarze Engel“, ist dieser Titel wirklich so besonders? Warum ist ihm dieser Titel so vertraut? Plötzlich kommt ihm eine Ahnung: war da nicht was? Blitzschnell eilt er zum Tisch. Gehetzt blättert er eilig durch die Akten auf dem Tisch, Manuskripte, Entwürfe --- ängstlich fragt er: „Dieser „Schwarze Engel“ wo liegt der bloß?“

 

„Sie haben die Manuskripte in den Schrank gelegt“, sagt Julia Holt und geht zum Schrank. Sehr schnell hat sie das Manuskript herausgefunden und bringt es ihm. Er setzt sich auf den Stuhl vor dem Tisch. In höchster Eile zieht er das Manuskript aus der Hülle und sieht es an.

Julia Holt ist leise hinausgegangen und genauso leise wieder ins Zimmer gekommen. Er hat sie überhaupt nicht bemerkt. Er hofft, dass er in dem Stapel Manuskripte einen Hinweis  findet. Sehr durchschnittliches Manuskriptpapier. Jedes Fachgeschäft für Schreibwaren in Taiwan verkauft es. Auf dem Manuskript ist der Bewertungsbogen der Redaktion. Erst nachdem es drei unterschiedliche Personen beurteilt haben, bekommt er das Manuskript zur Entscheidung. Auf diesem Bewertungsbogen sind äußerst dicht die Eindrücke der drei Personen geschrieben. Er hat die Seite  übersprungen. Er schaut auf den Titel, auf den Namen des Schriftstellers - - -  Deep Dagger.

Deep Dagger – ein männlicher Schriftstellername oder ein Pseudonym?  Ein ziemlich kämpferisch klingender Name, ein Name, den er noch nie gehört hat. Deep Dagger hat aber den Schwarzen Engel eingereicht, er schickt den Menschen gleich alles auf einmal: Pest, Krieg und Tod. Jetzt hat er die Seite gefunden. Auf dem Titelblatt liest er einige Sätze:

 

„Wenn der Abendwind durch die Fenstergitter streicht,

 wenn der nächtliche Nebel die Erde umhüllt

 und der Mann plötzlich verlassen - einsam aufwacht,

 steht der Schwarze Engel vorm Fenster und lächelt ihm zu“

 

Sein Blick bleibt an den Sätzen hängen, ohne zu wissen warum. Ein kalter Hauch kriecht seinen Rücken hoch. Für einige Sekunden ist er erschrocken. Diese Handschrift ist ihm so vertraut! So vertraut, dass es ihm Furcht einjagt. Schnell holt er den heute Morgen erhaltenen Brief heraus. Noch einmal zieht er den weißen goldumrandeten Briefkopf heraus. Er prüft jetzt bewusst den Briefkopf und die Handschrift auf dem Papier; sie ist es! Das ist die Handschrift von ein und demselben Menschen. Genauso wohlgeformt und klar, genauso elegant und ungezwungen natürlich.

 

 

Genau so, vor langer, langer Zeit hat er diese Handschrift schon einmal gesehen! Es ist sogar dieselbe schwarze Tinte! Heutzutage gebrauchen die Leute Kugelschreiber. Gibt es noch welche, die mit Tinte schreiben? Er ist wie betäubt. In seinem Kopf ist ein Chaos, ein Durcheinander wie auf einem Schlachtfeld  und dann --- Panik.  Ganz schön lange, eine ganze Weile. In seinem Kopf ist alles blank. Da liegt er, vor seinen Augen, auf dem weißen Briefpapier: der kleine Schwarze Engel. Er sieht fast wie ein lebendiges Wesen aus, das sich dreht und auf dem Sprung ist.

 

Er hört und sieht nichts und darum hat nicht bemerkt, dass sie unbemerkt ins Zimmer gekommen ist. Er hat weder das Öffnen der Tür gehört, noch die Stimmen, die von außen hereindrängen. Doch nun hebt er den Kopf und sieht, wie sie vor dem Tisch steht. Mit weit geöffneten Augen fixiert er sie. Ungläubig blickt er auf die schlanke Silhouette, er muss sich nicht vorstellen. Jeder Satz ist überflüssig. Er weiß wer sie ist – Sybil Miller. Oder aber: nicht Sybil Miller sondern Deep Dagger.

 

Da steht sie, mit sehr geradem Rücken, Schulter und Taille schlank und schön gebogen. Sie trägt einen schwarzen gestrickten Pullover, schwarze lange Cordhosen, in der Hand hält sie einen langen schwarzen Umhang. Ihr Hals ist außergewöhnlich lang und schmal und das unterstreicht ihren edlen Kopf. Edel, ja. Er hat bei noch keinem Menschen einen so natürlichen, angeborenen Adel gesehen. Ihre  schwarzen Haare sind locker zerzaust in einer Hochsteckfrisur auf dem Kopf zusammengehalten und unterstreichen vorteilhaft ihre große schlanke außergewöhnliche Erscheinung. Ihre hellen Wangen, die gerade Nase, ihre Augenbrauen und Schläfen! Und ihr Blick leuchtet. Ihre Mundwinkel zeigen ein reserviertes Lächeln, das er aus der Vergangenheit kennt. Außer einer sehr langen Perlenkette um den Hals  trägt sie keinen anderen Schmuck. Sie wirkt leicht erschöpft, aber trotzdem hat sie eine solche eine Ausstrahlung, etwas so Begeisterndes, so etwas Außergewöhnliches, das sie sein Büro zum Strahlen bringt. Alles andere erscheint auf einmal engstirnig und ungehobelt.

Er holt tief Luft, zwinkert und schaut sie noch einmal an. Plötzlich bemerkt er, dass seine Kehle ganz trocken ist, so trocken, dass er nicht sprechen kann. Dieses wunderschöne Gesicht, dieses geschmeidige Kinn, diese Augenbrauen ---- als gehörten sie zu einer anderen Frau. Ja, andere Frauen sind nicht so edel, nicht so wunderschön, nicht so besonders und abgestumpft. Andere Frauen lachen, weinen, schreien laut vor Lust. Andere Frauen sind leidenschaftlich wie ein loderndes Feuer, zerbrechlich wie dünnes Eis. Nein, nein, so ist diese Frau nicht. Sie ist Sybil Miller, das ist Deep Dagger, sie ist --- der Schwarze Engel.

 

„Du ---„ sie öffnet plötzlich den Mund, ihre Stimme klingt tief und weich, sanft und einnehmend. „Ist das deine Vorbereitung, mich ununterbrochen anzustarren und mir keinen Platz anzubieten?“

Er erwacht aus seiner Erstarrung. Als er aus diesem konfusen, tranceartigen Traum aufwacht, schüttelt er den Kopf, gibt er sich einen Ruck, macht er sich Mut. Er will alles in seiner Macht Stehende tun, den Druck abzuschütteln, der seit heute früh an auf seinen Schultern liegt. Er zwinkert wieder mit den Augen, sieht sie aufmerksam an. Er bemüht sich zu lächeln --- und merkt dabei selber, dass dieses Lächeln widerwillig und gequält ist.

„Du musst mir verzeihen. Du hast mich erschreckt.“ Er spricht, und seine Kehle ist weiterhin nicht nur trocken, sondern er ist auch verärgert. Er findet seine Ausdrucksweise unbeholfen, als wiederhole er Auswendiggelerntes.

„Wieso habe ich dich erschreckt?“, fragt sie. Ganz leicht zieht sie die Augenbrauen hoch, ihre Augen sind tief-dunkel wie der Nachthimmel, man weiß nicht, wie tief der ist und was er noch alles mit sich trägt. „Ich habe an die Tür geklopft, wahrscheinlich hast du es nicht gehört, deine Sekretärin, Frau Holt, hat gesagt, dass du mich erwartest.“ Er steht auf, steht genau ihr gegenüber. Sie sehen sich eine Weile an. Schließlich stellt er sich mutig der „das-was-ist-Realität. 

„Ich weiß nicht, ob ich dich erwartet habe“, sagt er. Die lächelnden Mundwinkel sind verschwunden, er mustert sie aufmerksam. „Eigentlich habe ich Sybil erwartet. Die von England kommt, aber, unerwarteter Weise hat sich Sybil Miller in einen anderen Menschen verwandelt, in einen Autor, der sich Deep Dagger nennt.“

 

Ihr Blick wandert zum Schreibtisch, dem dort ausgebreiteten Manuskript und dem Briefpapier. Sie zögert eine Weile, hebt dann den Blick wieder, ihre Augen schimmern wässrig, doppeldeutig lächelt sie sanft. Aber dieses Lächeln hat keine Wärme, sondern es ist spröde, fast melancholisch. Sie seufzt tief.

„Das ist es, worüber du so erschrocken warst?“

 „Das kann sein.“

 

Sie sieht ihn zurückhaltend an. „Du bist ein bedeutender Verleger, nicht wahr? Viele Schriftsteller schicken ihre Werke, nicht wahr? Das ist doch wohl nichts Besonderes. Aber, offensichtlich ------„ sie senkt ihren Blick. „Wenn ich dich nicht daran erinnert hätte, dass Deep Dagger mit Sybil Miller identisch ist, hättest du den Schwarzen Engel nicht angesehen. Sagen wir von einem John Smith beispielsweise, hättest du das Manuskript nie aus dem Schrank geholt. Wie viele Menschen setzen alle ihre Hoffnung in dich, wie jener John Smith.

Er sieht sie lange an. Dieser bohrende und kritische Blick, diese Stirn, dieser nicht zu übersehende verletzte Stolz, diese zusammengepressten Lippen. Dennoch, empfindsam und sanft in ihrer Verletzlichkeit. Dieses Zarte erreicht ihn plötzlich fast schmerzlich tief im Innersten seines Herzens. Das ist unglaublich!

 

„Es tut mir sehr leid.“ Wie gebannt schaut er sie an. Diese Stirn, diese Augen, dieser Nasenrücken, dieses Kinn, diese Lippen --- ach du lieber Himmel! Wird das eine Zweitauflage! Mit Mühe zwingt er sich, wieder klar zu denken. „Ich darf anderer Leute Hoffnungen nicht einfach umwerfen, sie versetzen. Meine Mitarbeiter erinnern mich immer wieder ---“

„Ich habe verstanden“, sie unterbricht ihn schnell. „Du hast eine sehr gute Sekretärin, hübsch und klug.“ Als sei das die Antwort auf ihre Bemerkung, geht die Tür auf und Julia Holt kommt herein. In der Hand hält sie ein Tablett mit zwei Tassen mit kochend heißem Tee. Mit lächelndem Gesicht blickt sie Arthur Brown und Sybil Miller an. Fröhlich lächelnd sagt sie: „Anna hat heute um Urlaub gebetenIch nehme ihre Rechte wahr. Sie merkt, dass beide neben dem Schreibtisch stehen. Sie blickt Arthur Brown prüfend an. „Sie haben Frau Miller nicht gebeten auf dem Sofa da Platz zu nehmen?“  

Der Satz hat Arthur wieder in die Wirklichkeit geholt. Also, diese Fauxpas heute! Ja, seit dem Erhalt von Sybils Brief heute Morgen ist er nicht mehr „normal“ gewesen. Zu viel Unvorhergesehenes, zu viele Überraschungen, zu viele Verwechslungen, zu viele Erinnerungen. Das hat ihn konfus gemacht. Betroffen geht er zum Sofa. Das ist sein persönlicher Raum in seinem Büro. Außer einem großen Bücherregal, einem großen Schreibtisch und einem großen Bücherschrank dazwischen, steht da auch ein ledernes Sofa nahe vor dem Fenster. Er sagt zu Sybil: “Setz dich doch!“

Sie geht leichtfüßig und anmutig zum Sofa. Jede ihrer Bewegungen durch und durch natürlich. Sie setzt sich, legt den schwarzen Umhang über die Rückenlehne des Sofas. Julia stellt den Tee hin und lächelt Sybil Miller offen und freundlich an. Sybil dankt ihr mit einem Nicken, dann dreht sich das lebhafte Mädchen um und verlässt den Raum.

Sybil sieht sich um und seufzt leise: „Ich stelle fest, du hast ein Königreich ganz für dich.“

„Jeder Mensch hat ein Königreich ganz für sich.“ Ihm fällt keine andere Antwort ein. „Ob das Königreich klein oder groß ist, das liegt nicht an der Umwelt, sondern entspringt dem Edelmut der eigenen Gedanken.“

 

 

 

In ihren Augen blitzt ein seltsames Leuchten auf, das sich auf seinem Gesicht fest macht. In dieser betonten Weise angesehen zu werden, stört ihn, es gibt ihm das Gefühl, als sähe sie durch ihn hindurch, ja, als würde sie über ihn richten. Dieses Augenpaar ist gründlich, schwer einzuschätzen und durchdringend scharf. Wie alt ist sie? Er rechnet in Gedanken nach, erinnert sich, zweiundzwanzig? Dreiundzwanzig? Sie sieht reifer aus als ihr tatsächliches Alter ist. Im Ausland aufgewachsene Kinder sind im Vergleich zu denen im Inland aufgewachsenen immer frühreif. Und erst recht ist man dann mit Zwei- oder Dreiundzwanzig   vollkommen erwachsenen.

 

„Worüber denkst du nach?“ fragt sie.

 

„Über dein Alter“, gesteht er als Antwort, versunken in seine Erinnerungen. „Wenn ich mich nicht irre, bist du jetzt zweiundzwanzig und ein halbes Jahr alt. Im Oktober wirst du erst dreiundzwanzig. Ja ---.“ Er beißt die Zähne zusammen, in seiner Brust fühlt er einen dumpfen Schmerz. „Damals, jeden Oktober haben wir für dich Geburtstagsgeschenke vorbereitet. Dein Geburtstag ist -----“  Seine Augen glänzen: „der einundzwanzigste Oktober!“

 

Ihre Augen leuchten auch, aber sehr schnell senkt sie den Blick wieder, verbirgt das Aufflackern. Nach einer langen Zeit hebt sie den Blick. Der Ausdruck ist wieder bedrohlich und unberechenbar.

 

„Komisch, dass du das nicht vergessen hast!“ sagt sie. Ihre Stimme zittert leicht. Ich denke, heute Morgen, als du meinen Brief bekommen hast, hast du vielleicht gedacht, Sybil Miller, wer ist denn das?“

 

„Du ------“, er ist gespannt, wie es weitergeht, sein Gesicht ist wie eine Maske, er starrt sie an, hitzig sagt er mit tiefer Stimme: „Sybil, warum bist du eigentlich so gefühllos? So grausam? So ruhig? Wieso hast du mich deinen Flug nicht wissen lassen? Warum hast du mich nicht eine Unterkunft suchen lassen? Warum bist du hier so sang- und klanglos aufgetaucht? Du ---- ausgerechnet, ein schwarzer Engel ist gekommen und hat mich hereingelegt! Sybil, du bist so mysteriös, so komisch, so kalt --- du ---du --- bist du wirklich unsere geliebte kleine Schwester? Die in die Fremde verbannte kleine Schwester? Die, über die wir jeden Tag geredet und gelesen haben? Die kleine Schwester?“

Tränen schießen ihr in die Augen. Ihre Augen sind ganz feucht. Auf dem reinen glatten Teint

ihrer Wangen entstehen sofort zwei rote Flecken der Schamröte. Sie dreht den Kopf weg, schaut aus dem Fenster, unbewusst hebt sie die Hand und zeichnet mit dem Finger auf die Fensterscheibe. Aufgrund des großen Unterschiedes von Innen- und Außentemperatur ist das Fenster beschlagen. Absichtslos schreibt sie auf diesen Fensternebel Wörter, verschwommen flüstert sie: „Ich bin nicht mysteriös, ich bin schon vor drei Monaten nach Taipeh zurückgekehrt -----“

„Drei Monate!“ schreit er aufgebracht, überrascht und wütend.  „Erst nach drei Monaten informierst du mich darüber! Wo wohnst du?“

Ich habe eine kleine möblierte Wohnung gemietet, sehr geschmackvoll und gemütlich.“ Sie malt immer noch auf das beschlagene Fensterglas. „Jeden Tag habe ich gedacht, soll ich oder soll ich dich nicht besuchen. Wenn ich dich besuchen will und anrufe, wie soll ich dich nennen? Sage ich zu dir ---- Arthur? Oder sage ich zu dir ---- Schwager?!

Er hält die Teetasse in der Hand. Als sie das Wort „Schwager“ ausspricht, zittert seine Hand, Wasser schwappt über den Tassenrand und spritzt auf seine Kleidung. Er zittert so sehr, dass er die Teetasse abstellen muss. Die Tasse stößt an den Tisch und macht einen glockenreinen Klang.

Er richtet sich stocksteif auf, es ist, als wehte schleichend ein kalter Wind durch das Zimmer um ihn herum. Er holt eine Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche, nimmt eine Zigarette. Dreimal muss er das Feuerzeug anreißen, dann erst kann er die Zigarette anzünden. Er stößt eine große Menge Zigarettenrauch aus und sieht ihm nach. Ihr Kopf ist immer noch weggedreht. Sie zeichnet immer noch aufs Fenster und dreht den Kopf nicht zu ihm zurück. In sich versunken flüstert sie weiter:

„Ich habe meine große Schwester auf dem Friedhof besucht. Du hast ein schönes Grab anlegen lassen, aber auf dem Grabstein steht geschrieben: ’Grab von Amanda Brown’.  Ich weiß aber, dass sie nicht das Glück hatte, von dir geheiratet zu werden. Deswegen kann ich dich nur Arthur Brown nennen und nicht Schwager.“ Sie dreht den Kopf zu ihm und sieht ihn an. Ihre Augen sind so klar wie schwarze Kristallkugeln und spiegeln in kaltem Glanz alle Arten von Fremdsein.  „Arthur Brown“,  sagt sie leise, „ich bin sehr froh, dich wieder zu sehen.“

Er sieht sie einige Sekunden lang an. „Gut“, er seufzt, Rauch kommt aus seinen Nasenlöchern, unsicher hält er die Zigarette, er starrt dem aufsteigenden Rauch nach. „Sybil“, widerstrebend, betrübt, unklar sagt er: „Was deine große Schwester betrifft, uns verband sehr viel, das würdest du alles überhaupt nicht verstehen! ----“

„Ich weiß“, sie unterbricht ihn. „Ich habe gehört, meine Schwester war sehr nachgiebig, warum solltest du ihr da leid tun?“

Er ist schockiert, auf den Schreibtisch fällt ein Stück Zigarettenasche, er fixiert es wortlos. „Natürlich, „sagt er ernst, „ich habe ihr nie leid getan, sie war zu nett, um einer Ameise etwas anzutun, wie könnte sie da etwas tun, das sie bedauern müsste!“

Sie zieht die Augenbrauen leicht hoch. Die schwarzen Kristallkugeln funkeln.

„Gut“, sagt sie, „wir müssen nicht als Erstes über meine Schwester reden. Die ist ja bereits gestorben. Was vorbei ist, ist vorbei ---.“ Sie schaut auf die Zigarette in seiner Hand. „Kann ich vielleicht eine Zigarette haben?“

„Du rauchst?“ Er ist überrascht, in seinem Ton schwingt leichter Tadel mit.

„In London rauchen schon vierzehnjährige Mädchen“, sagt sie leichthin, nimmt die Zigarette aus seiner Hand und zündet sie geschickt an. Er sieht ihr zu. Sie macht einen Zug, sie raucht gekonnt und elegant.

„Hat meine Schwester geraucht?“, fragt sie plötzlich.

„Ja.“

„Ja?“ sie ist überrascht. „Ich hätte gedacht --- sie würde auf keinen Fall rauchen.“

 „Warum?“

„Weil, das ist doch klar, du willst doch nicht, dass Mädchen rauchen. Du willst so etwas nicht und darum hat sie es nicht gemacht.“

 Er ist verwundert. „Woher weißt du, dass ich nicht gut finde, wenn Mädchen rauchen?“, fragt er.

„Stimmst du mir zu?“ fragt sie zurück.

„Nein. Aber du hast eine beeindruckende Beobachtungsgabe. Ich mag tatsächlich nicht, dass Mädchen rauchen, weil ich an ihren Fingern die gelben Stellen vom Rauchen nicht mag“. Ohne sich dessen bewusst zu sein, beobachtet er weiter, wie sie die Zigarette hält. An ihren schlanken weißen Fingern sind keine Rauchflecken. Sie riecht auch nicht nach Rauch.

„Ist meine Schwester gegangen?“ fragt sie.

Er runzelt die Stirn. Dann ist es, als würde er plötzlich aufwachen. Sie sitzt aufrecht, hebt das schöne Kinn, spricht wieder und sagt mit Nachdruck:

„Entschuldige mal, gerade haben wir gesagt, dass wir nicht über meine Schwester reden wollen. Ich bin heute überhaupt nicht als Amandas kleine Schwester gekommen. Ich habe mit dem Bücher-Schreiben begonnen, aber ----“. Sie seufzt leise: „Aber du hast mein Werk, mein Buch, mein Manuskript offensichtlich noch nicht einmal eines Blickes gewürdigt!“

„Ich  werde es ansehen!“ sagt er schnell: „Gib mir ein bisschen Zeit!“

„Du hast alle Zeit der Welt. Ich werde weiter in Taiwan bleiben.“

 Er sieht sie irritiert an. „Ich dachte, du studierst Schauspiel. Ich dachte, du trittst in London auf der Bühne auf.“

„Ich bin bereits aufgetreten“, sagt sie und fährt fort „Ich bin in der „Mausefalle“ aufgetreten und auch in „Superstar“. Alles Spitzenrollen und Stücke, die in London phantastisch laufen. Ich hatte es satt, darum bin ich nach Taiwan zurückgekommen. Ich wollte eine Lebensveränderung.“

„Bist du allein zurückgekommen?“

„Ja.“

„Warum hast mich nicht vorher informiert?“

„Ich bin es gewohnt, allein zu sein.“ Sie sieht auf die glühende Zigarettenspitze. „Auch in diesen Jahren in London war ich allein. Meine Mutter - - - .“ Sie überlegt eine Weile und drückt dann die Zigarette aus. „Sie und ihr Mann und ihre Kinder haben immer in Manchester gewohnt.“ Sie hebt den Kopf und sieht ihn an. Plötzlich wechselt sie das Thema. „Störe ich dich eigentlich sehr? Ich weiß, du bist ein sehr beschäftigter Mann! Ich glaube: wenn ich rücksichtsvoll sein wollte, dann sollte ich mich jetzt verabschieden.“ Sie steht auf und greift nach ihrem Umhang.

Blitzschnell stellt er sich ihr in den Weg. „Wage es, zu gehen!“ ruft aufgebracht.

„Wie?“ Sie hebt den Kopf und sieht ihn verblüfft an.

„Wenn du jetzt nicht mit mir zum Lunch gehst, wenn du mir nicht dein Leben während all dieser Jahre erzählst, wenn du mich nicht dahin mitnimmst, wo du jetzt lebst, wenn du mich dich jetzt nicht besser kennen lernen lässt - - -.“ Er hat laut und ohne Unterbrechung gesprochen. „Schlag dir aus dem Kopf, dass ich dich gehen lasse!“

 

Ihre Augen sind weit geöffnet und strahlen hell, einen Moment bleiben ihre Blicke auf ihn gerichtet, ihre Mundwinkel sind leicht nach oben gezogen, ein eher trauriges Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Ihre Augenlider zucken, wie von einem Schleier scheinen sie plötzlich getrübt. Ihr Mund ist halb geöffnet, es dauert eine ganze Weile bis ein Ton heraus kommt: „Du siehst eigentlich nicht aus wie ein kaltherziger Heuchler, ich habe nachgedacht. Bist du ein Gott oder ein Teufel? Warum hast du dich von meiner Schwester in dieser Weise lieben lassen? Jetzt habe ich es ein ganz klein bisschen begriffen - - - .“ Der Nebel in ihren Augen wird schlimmer. „Arthur Brown“, sagt sie klar und leise „Wie hast du sie sterben lassen können?“

 

Er dreht sich schnell weg, so dass sie sein Gesicht nicht sehen kann. Er atmet in kurzen abgehackten Atemzügen, seine Muskeln scheinen sich zu spannen und der ganze Körper bebt von Gefühlen überschwemmt. Da fühlt er eine zarte warme Hand, die ihn leicht berührt. Er zuckt unwillkürlich zusammen. Ist diese Hand elektrisch geladen? Kurz danach klingt ihre Stimme wie eine sanfte Brise neben seinem Ohr und sagt ruhig: „Ich habe gehört, Taiwans Szechuan Küche ist die beste. Lade mich ein, Szechuan Küche essen zu gehen, ok?“

 

Er wendet ihr wieder den Blick zu. Sie hat ihren langen seidenen schwarzen Mantel schon angezogen. Sie ist ganz in Schwarz getaucht, aber das weiße Gesicht ist gerötet, die kleinen Lippen sind rot. Das erinnert ihn an Worte aus dem Altertum: „Lippen betonen nichts und sind doch rot, Augenbrauen zeichnen nicht und sind doch grün! Dies und dazu diese Augen, die über das ganze Gesicht hin strahlen, fast wie ein heiliges Lächeln.... Meine Güte! Wie sehr sie  ihrer Schwester gleicht! Wie sehr sie doch ihrer Schwester gleicht! Sie ist so elegant wie eine Götterstatue und ihr Lächeln gleich dem eines Engels! Du liebe Güte! Er denkt schockiert: der Schwarze Engel! Was bedeutet der Schwarze Engel? Freude oder Sorge? Das Gute oder das Böse? Glück oder Unglück? Er schüttelt den Kopf, über diese Fragen will er jetzt nicht nachdenken.

 

Er streckt seine Hand aus und legt sie ihr leicht auf die Schulter.

„Los, gehen wir!“ sagt er.

 

 

 

 2. Kapitel

 

Das Café ist klein und erlesen, es ist neu eröffnet und liegt in der Oststraße. Die Einrichtung ist elegant und gepflegt, weiß umrandete Holzbalken, Kerzenständer aus Holz, Tische und Stühle aus antikem Holz. Man fühlt sich wie ein Inselbewohner einer griechischen Insel.

 

Arthur und Sybil sitzen in einer Ecke des Cafés. Da sitzen sie schon sehr, sehr lange. Durch das Fenster haben sie einen Blick auf die Straße. Sie haben bereits gegessen und sitzen immer noch zusammen dort im “Artimesia.“  Ein sehr griechisches Café, das auch den Namen einer griechischen Göttin hat.

 

Über der Straße liegt ein erster Schatten der Dämmerung. Ein Wintertag ist immer besonders kurz, heute scheint er noch kürzer als gewöhnlich. Sybil lehnt sich gegen das dicke Stuhlkissen und schaut gedankenverloren aus dem Fenster auf die vorbeifahrenden Autos. Einige haben bereits die Scheinwerfer angeschaltet, die Lichter huschen vorüber und werfen  einen Heiligenschein um ihr Gesicht. Ihre Finger schnippen an einem silbernen Feuerzeug mit schwarzen Rändern, es stößt gegen die Holztischpatte und macht Tuk Tuk Tuk, ein Geräusch scheinbar im Rhythmus ihrer Erzählung. Sie spricht leise und ruhig, unbeirrt und selbstverständlich, aber am Grund dieses ruhigen Tones mit all seiner Selbstverständlichkeit liegen eine unerklärliche Traurigkeit und ein Hauch von Hilflosigkeit.

 

„Ich denke oft, vielleicht hätte ich damals in Taiwan bleiben und mit meiner Schwester zusammen leben sollen. Aber das ist eben nicht passiert. Wie auch immer, in dem Jahr studierte Amanda bereits und ich war erst 14 Jahre alt. Das Schicksal wollte es, dass sich meine verwitwete Mutter in einen Engländer verliebte; das Schicksal wollte die Trennung von Mutter und Töchtern. Das wurde nicht diskutiert. Ich glaube, Mama und Amanda haben beide darunter gelitten. Amanda war uneinsichtig und verliebt, sie konnte Mama nicht verzeihen, dass sie einen Ausländer geheiratet hatte. Oder sie hatte Papa noch intensiver in Erinnerung oder sie hatte vielleicht auch noch diese konservative chinesische Sichtweise, dass das Leben einer Frau nach dem Tod des Ehemannes vorbei ist. Kurz gesagt, mein Eindruck ist, meine Schwester war äußerlich nachgiebig und weich, aber innerlich rigide und konventionell.“ Sie sieht zu ihm hoch und fragt leichthin: „Kann das sein?“

 

Er stößt eine Rauchwolke aus, denkt nach aber antwortet nicht. Sie wartet auch auf keine Antwort und redet weiter: „Mit einem Wort, wir kamen in England an, alles war schwieriger als erwartet, mein Stiefvater war nicht wohlhabend, er war oft arbeitslos, meine Mutter schenkte ihm in vier Jahren drei Kinder. Das war echt super. Zwei Jahre waren sie ganz klein, danach veränderte sich alles in eine typisch britische Familie und ich wurde zum einzigen Missklang in der Familie. Nur Gott weiß, wie traurig das damals war. Die jüngeren Geschwister nahmen die ganze Energie meiner Mutter in Anspruch. Ich war wie eine verlassene einsame Wildgans. Mir blieb nur Amanda und sie schrieb mir immer, tröstete mich, machte mir Mut; sie war meine moralische Stütze.“

 

Sie hält inne, trinkt einen Schluck Kaffee und schaut ihn an. Leise sagt sie: „Warum sage ich dir das, du weißt doch alles, oder?“

 

Er nickt und sagt: „Ich weiß es, aber ich möchte es aus deinem Mund hören.“

 

Sie denkt nach, nimmt eine Zigarette heraus, er gibt ihr Feuer. Sie raucht anmutig, ihre sanften Bewegungen machen aus dem Rauchen eine Kunst. Er betrachtet sie intensiv; diese lässige europäische Eleganz, diese unergründlich tiefen Augen, diese detaillierte Art zu erzählen - - - nein, sie ist nicht wie Amanda! Er fixiert sie von neuem, dieses leicht Sorgenvolle in ihren Augen, diese Hilflosigkeit um ihren Mund, diese gerunzelte Stirn - - - nein, das ist Amanda!

„Nein, ich werde jetzt nicht mehr mit dir über Sachen reden, die du bereits weißt.“ Sie schüttelt den Kopf und sagt dann: „Und dann, eines Tages fängt das an, Amandas Briefe sind voll mit deinem Namen, deiner Körpergröße, deinem Alter, deinem Gewicht, wie viele Haare du auf dem Kopf hast, wie erlesene Zellen du hast, deinem Humor, deinen Talenten, deiner harten Arbeit, deinen Absichten, deinem Wissen, deinem guten Aussehen, deinem Chic - - - , deinem - - - alles, alles von dir! Du bist der größte unter den Menschen, du bist der Gott des Pantheons!“

Sie hat in einem Atemzug gesprochen, so flüssig, so ohne jede Pause, ihre Serie von Sätzen klang wie von einem Kanonenboot abgefeuert und tut jedem Nerv in ihm weh. Unwillkürlich lehnt er sich tief zurück ins Sofa als wollte er sich dort verstecken. Aber er kann dem Schmerz  nicht entkommen, er runzelt die Stirn und schließt die Augen. Tief in seinem Herzen ist eine zarte Stimme, die flüstert: Amanda! Amanda!

 

„Weißt du eigentlich dass du damals nicht allein Amanda gehört hast, sondern auch mir?“

 

Sie hat aufrichtig gesprochen. Er öffnet die Augen und sofort berührt ihn ihr strahlender Blick.

 

„Obwohl ich erst Sechzehn war, war ich in Gedanken erfüllt von deinem Bild. Jeden Abend, während des Abendgebets mit meiner Mutter und meinem Stiefvater, waren nur du und meine Schwester in meinem Gebet! Dann ist mein Leben schwieriger geworden. Ich musste ein Studium oder eine weiterführende Ausbildung wählen, und wieder waren es Amanda und du, die mich retteten. Ihr habt mich gerettet und mir für eine meine weitere Ausbildung Geld geschickt. Immer wieder habt ihr mir Geld geschickt. Taiwan Dollars umgerechnet in britische Pfunde, mein Studiengeld war luxuriös!

 

Ich lebte in London und studierte Schauspiel. In jedem Brief schreibt mir Amanda, dass eure Karrieren erfolgreicher werden, dass die geringen Studiengebühren keine Rolle spielen. Keine Rolle spielen! Wie können die keine Rolle spielen?“ Sie mustert ihn kritisch. „Ich habe mir selber immer gesagt, dass dieses Geld nur geliehen ist, dass ich es zurückzahlen muss.  Ich habe mit ganzem Einsatz studiert, tagsüber, und meinen Abschluss geschafft. Abends war dann immer der heftige Kampf mit meinem Chinesisch. So habe ich mein Chinesisch nie verloren.“

 

Er denkt an das Buch, das immer noch auf seinem Schreibtisch liegt, den “Schwarzen Engel“. Er denkt an die Inschrift auf der Titelseite und nickt. Dein Chinesisch ’nie verloren’? Erheblich mehr als ’nicht verloren’, sagt er: „du hast geradezu chinesische Literatur studiert, oder?“ „Ja, ich habe den „Traum der Roten Kammer“ gelesen, ich habe Lao She gelesen, Xu Zhimo und auch „Seltsame Geschichten“ von Liao Zhai. Ich habe sehr viele chinesische Bücher gelesen.“

 

Er schweigt. Bewundernd sieht er sie an.

 

„Dann plötzlich wurden Amandas Briefe seltener, nach und nach immer seltener. Nicht nur seltener, sondern auch kürzer. Aber sie schickte immer noch Geld, jeden Monat schickte sie es. Sie möchte unbedingt, dass ich hart arbeite. Könnte man sich auf der ganzen Welt eine bessere große Schwester vorstellen? Und dann, das nächste Mal, bekomme ich keinen Brief von meiner Schwester, sondern nur den monatlichen Scheck. Ich denke, Amanda heiratet bald, sie ist sicher damit beschäftigt, ein neues Haus einzurichten. Sie ist damit beschäftigt, meinem zukünftigen Schwager zu helfen seine Karriere voranzubringen, sie hat nicht mehr so viel Zeit, ihrer kleinen Schwester Briefe zu schreiben - - - . Ganz zu schweigen, dass ich zu der Zeit auch sehr beschäftigt bin. In Anspruch genommen von der Prüfung, den Proben, davon, einen Partner zu finden, tanzen zu gehen, in den Mode-Geschäften herumzustreifen - - - “.

 

Sie drückt die Zigarette aus und stützt ihre Stirn in der Hand, die Traurigkeit in ihren Augen wird größer. Als ich die Prüfung bestanden hatte, habe ich an dich und meine Schwester ein Telegramm geschickt. Danach erst habe ich einen Antwortbrief erhalten, deinen Antwortbrief - - - “

 

Sie hebt den Blick und sieht ihn an, ernst und feierlich. „Da erst erfahre ich, dass meine Schwester schon ein halbes Jahr tot ist. Diesen Brief werde ich immer behalten, weil er so schön ist, so gut, so verzweifelt.“

 

Er sieht sie ihren betroffener Blick, die feinen Lippen, er sieht diesen unterdrückten Schmerz  - - - Plötzlich richtet er sich auf und sagt laut: „Sprich nicht über diesen Brief! Sprich nicht über deine Schwester! Sprich über dich! Warum hast du mir hinterher keine Nachricht zukommen lassen?“

 

„Über mich sprechen?“ Sie zieht die Augenbrauen hoch und spielt mit dem Feuerzeug. Über mich gibt es nichts zu sagen. Während vieler Jahre, von meinem vierzehnten bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr, egal, in meinen Gedanken und Vorstellungen oder bei allem, was wirklich passierte, alles hing von meiner großen Schwester ab. Obwohl wir getrennt waren durch Berge und Meere. Nachdem ich wusste, dass  Amanda tot ist, war die tragende Säule meines Lebens weggebrochen. Ich weiß auch, dass es Zeit für mich ist, allein klar zu kommen, selbständig zu sein. Danach habe ich eineinhalb Jahre fleißig  geübt, unabhängig zu sein.“

„Etwas genauer bitte.“

„Im Detail klingt es so einfach.“ Sie lächelt dünn und es ist auch Traurigkeit in ihrem Lächeln. „Ich bin Schauspielerin, ich habe gespielt, auf der Bühnen gespielt, kleine Rollen. Ich habe Geld verdient, verzweifelt Geld verdient. Ich habe hart gearbeitet, sehr hart, um Geld zu verdienen. Das war mein einziges Ziel, ausreichend Geld zu verdienen, um nach Taiwan zurückkommen zu können. Damit ich meine Schwester auf dem Friedhof zu besuchen kann und um meinen Schwager persönlich kennen zu lernen!“  Ihre Augen sind wie Wasser. „Nein, ich kann dich nicht Schwager nennen. Ich kann dich nur Arthur Wang nennen. Arthur Wang - - - “ Ihre Stimme ist leise wie im Traum.  „ Du Narr, warum hast du sie nicht geheiratet, bevor sie gestorben ist? Dann hätte ich in Taiwan einen Verwandten besuchen können!“

 

Er zittert leicht und ist berührt von ihren stillen, traurigen Augen. Seine Stimme ist plötzlich heiser: „Ich erinnere mich, dass ich dir das in dem Brief gesagt habe, sie ist gestorben an...“

 

"einer Herzkrankheit!“ beendet sie seinen Satz. „Gott hat in vielen Unglücksfällen etwas Gutes versteckt, er hat sie nicht länger leiden lassen. Sie ist sehr schnell gestorben.“

 

Seine Gesichtsmuskeln sind starr, er senkt den Kopf, er schaut auf die Kaffeetasse in seiner Hand. Der Kaffee ist schon kalt. Braune Flüssigkeit liegt auf dem Tassengrund wie auf einem weißen Magnet. Nicht die geringste Wärme. Plötzlich erinnert er Amandas letztes Gesicht, weiß, so weiß wie dieser weiße Magnet und auch so kalt wie diese Tasse. Er ist schaudert ihm. 

 

„Wirklich schlecht!“ Sie seufzt. „Der Kern unseres Gespräches lässt sich nicht vom Tod trennen.“ Gleichzeitig sieht sie ihn voll an. Mit gerunzelter Stirn, mitfühlend. „Ich verstehe, dass dieses Thema für dich nicht gut ist und auch nicht für mich.“ Se dreht sich zum Fenster und beginnt wieder automatisch auf das Glasfenster zu malen. „Lass uns über mich sprechen, ein paar ganz alltägliche Sätze. Ich bin wieder zurückgekommen, einfach so konnte ich dich das nicht wissen lassen, weil Amanda bereits vor zwei Jahren gestorben ist. Ich habe auch gedacht, du hättest inzwischen wahrscheinlich ein neues Glück gefunden - - - “ Sie macht eine Pause und fragt plötzlich: „Du hast es doch gefunden, oder?“

 

Er sieht sie an, er versteht sie, sie hat voll Mitgefühl gefragt.

 

„Zuerst musste ich durch ein Meer von Tränen, aber dann wusste ich auch, dass dieses schreckliche Unglück keine Regenwolke ist.“ Seine traurigen Gedanken sind so leise gesprochen, dass er sie nur selber hören konnte.

 

„Ich habe nicht verstanden, was du gemurmelt hast.“ Sagt sie „ Aber ich bin schon vor Monaten gekommen, Ich habe mich viel nach dir umgehört, in den vergangenen zwei Jahren hast du eine enorme Karriere gemacht. Du bist einer der Großen im Verlagswesen geworden. Alle Schriftsteller werden von dir weggeschnappt, du hast ein unabhängiges  großes Verlagsgebäude, eine Druckerei,  ein eigenes Vertriebsnetz, eine schöne Wohnung, einen Chevrolet- - - - nur eins hast du nicht, eine Ehefrau! Also, “ Ihre Stimme ist so weich wie ein Traum. „Hast du meine Schwester immer noch nicht vergessen, ist es das?“

 

Er beißt die Zähne zusammen und sagt nichts. Er hat sich gesammelt und sieht sie an. Drei Monate, sie ist vor drei Monaten gekommen und hat sich viel nach ihm erkundigt. Eine vage Angst hüllt ihn ein, Kälte steigt seinen Rücken hoch. Aber sie sitzt da, ruhig, elegant, edel, gepflegt und sanft. Er kann sich nicht vorstellen, was für eine ihr entsprechende Wohnung sie gefunden hat.

 

„Wenn du wieder verheiratet bist, werde ich dein friedliches Leben nicht weiter stören.“ Sie fährt fort: „Ich habe eine Wohnung gemietet, angefangen etwas zu schreiben, dann habe ich gedacht, ich sollte dich besuchen - - -  und so bin ich heute in deinem Büro aufgetaucht.“ Sie nimmt einen Schluck Kaffee, zwei saubere Reihen weißer Zähne sind leicht freigelegt, wie zwei Reihen Perlen. „Das ist  alles über mich. Weder mysteriös noch seltsam. Arthur, ist dir   mein Auftauchen unangenehm?

 

Er sieht sie an. „Ja,“ gesteht er ohne Umschweife.

 

„Warum?“

 

„Du hast viel Vergangenes wieder lebendig gemacht. Du hast eine Wunde wieder geöffnet, die schon verheilt war, mein Anstrengungen der letzten zwei Jahre haben sich in Nichts aufgelöst.“ Er starrt sie an und schüttelt den Kopf.

 

„Hat dir schon jemals jemand gesagt, dass du Amanda sehr ähnlich geworden bist?“

 

Sie nickt. „Ich weiß, Amanda hat mir oft Fotos geschickt und Mutter hat gesagt, dass ich mehr und mehr Ähnlichkeit mit Amanda bekomme und grundsätzlich ja auch nach dem gleichen Muster geschaffen wurde!“

 

Er mustert wieder ihre breite Stirn, diesen Mund, diese Lippen. Er macht einen tiefen Atemzug, irgendwo tut ihm etwas weh. Sie dreht sich wieder zum Fenster.

 

„Es ist schon dunkel“, sagt sie „das habe ich gar nicht bemerkt. Ich sollte jetzt gehen.“

 

„Ich möchte dich zum Abendessen einladen,“ sagt er sehr schnell.

 

„Es scheint immer ums Essen zu gehen.“ Sie lächelt. Dieses Lächeln ist lebhaft und zart. Zum Lunch hast mich zu Sechuan Küche eingeladen. Dann sind wir hierher gekommen und du hast mich zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Nein,  ich werde nicht mit dir zu Abend essen und so viel reden. Ich werde nichts mehr essen. Ich gehe nach Hause.“

 

„Nach Hause?“ Er ist etwas fassungslos.

 

„Falsch, falsch!“ Sie verbessert sich sofort. „Die Bedeutung von zu Hause ist nicht nur ein Platz zum Schlafen. Ich hatte all diese Jahre kein Zuhause. Ich bin eine einsame wandernde Gans. Jetzt möchte ich in diesen temporären Lebensraum zurückkehren. Kennst du das englische Lied? Es heißt: The Wild Goose on the Wing – Die Wildgans im Fluge?“

 

„Die Schwalbe im Wald?“

 

„Nein, nicht die Schwalbe, die Wildgans.“

 

„Nein, das kenne ich nicht.“

 

 „Weißt du? Die Wildgans ist eine Art Zugvogel, sein Körper ist sehr groß, normalerweise kann sie nur auf dem Gras neben einem Fluss leben oder im Sumpf. Aber es gibt auch Einzelgänger unter ihnen, die sich auf den Wipfeln des Waldes niederlassen. Das ist unglaublich, da können sie nur für kurze Zeit bleiben und es ist unmöglich, dort ein Nest zu bauen.“ Sie machte eine nachdenkliche Pause.

 

 

3. Episode

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach der Unterrichtsstunde hält Robert Wang einen gewaltigen Stapel englischer Literatur und Shakespeare im Arm. Er verlässt das Schulgebäude und begibt sich zu seinem privat gemieteten „Studenten-Wohnheim“.  Das Institut „Englisch  - Kunst und Wissenschaft“ liegt in einem Außenbezirk am Ufer des Flusses Tamsui an der Westgrenze der Stadt Taipeh. Berg und Meer, ruhige Umgebung, es ist ein ausgezeichneter Ort zum Lernen. Leider ist er zu weit von Taipeh entfernt und die Schlafplätze im Wohnheim sind begrenzt. Deswegen wohnen viele Studenten in einer gemieteten Wohnung im Stadtbezirk Tamsui. Es gibt auch viele Vermieter, die sich auf das Vermieten an Studenten spezialisiert haben: sie haben ihr Haus aufgeteilt in kleine Taubenkäfige, vermieten sie an Studenten. 

 

 

 

Robert Wang hat auch so ein „Studentenheim“-Zimmer,  seins liegt in einer noblen Gegend, die Mieten sind entsprechend hoch. Es befindet sich am äußeren Rand der Stadt in einer Reihe von roten Backsteinhäusern. Ursprünglich wurden diese roten Backsteinhäuser gebaut, um als Hotel genutzt zu werden. Nach dem die Hälfte der Gebäude fertig gebaut war, hatte der Eigentümer kein Geld mehr um weiter zu bauen, Tamsui hat schließlich keinen Vergnügungsbezirk. Nun werden diese Häuser nur an Studenten vermietet.

 

 

 

Von dem Zimmer, in dem Robert Wang wohnt, kann man die Fischerfeuer im Hafen sehen. und auch das Grün des Golfplatzes. Aber wie alle Räume in denen Jungen in den Zwanzigern leben, ist das Zimmer immer unordentlich, viel zu voll und schmutzig - - - überall sind Bücher und Aufzeichnungen verstreut. Jedes Mal wenn er hineinkommt, hat er Schwierigkeiten, einen Platz für sich selbst zu finden. Er hat an diesen Schwierigkeiten nichts auszusetzen. Er denkt, alles ist gut, solange er frei und bequem leben kann. Es ist egal, ob es chaotisch ist –  dies ist sein „Schneckenhaus“.

 

 

 

An diesem Nachmittag hält er die Bücher im Arm und ist auf dem Weg zu seinem „Schneckenhaus“. Die  Schule ist gerade beendet, die Frühlingssonne ist warm, macht trunken und umhüllt ihn warm und weich. Vom Märtyrerschrein weht es nach Harz und Erde. Alles ist ihm wohlbekannt, genau wie die Tempelglocken, die ihm immer wieder von neuem dieses warme Gefühl eines mitfühlenden Herzens geben, das Ruhe und Frieden mit sich bringt.

 

 

 

Heute Nachmittag ist er sehr zufrieden.

 

Heute Nachmittag ist er sehr glücklich.

 

Heute Nachmittag glaubt er, dass Sonnenschein und Wind seine Freunde sind. Ohne jeden Grund könnte er lachen, singen, pfeifen und ein nettes Mädchen treffen. Seifenblasen!

 

 

 

Er umarmt seine Bücher, er geht auf dem Feldweg, der zum Märtyrer Schrein, zum Kiefernwald und zum prächtigen Tempel führt. Er pfeift vor sich hin, einfach so, ohne Erwartungen, sorglos. Da sieht er plötzlich einen ganz kleinen weißen Pekinesen-Hund mit einem Band um den Hals. Glöckchen klingeln daran und wie ein Schneeball springt der ihm vor die Füße. Er bleibt stehen. Wie komisch dieses kleine Ding hier zu sehen. Er erinnert sich, dass er diesen Welpen in den letzten Tagen öfter gesehen hat. Ein Nachbar hat ihm erzählt, der werde von einer neuen Familie aufgezogen.  Er kniet sich nieder, um den Welpen zu fangen.

 

Das kleine Ding ist überraschend angstfrei, es hebt seine spritzigen Äuglein frech und freundlich und dreht sich behände zu ihm um. Er muss lachen, bückt sich, drückt es in seine Arme und kann nicht anders als ihm zuzuflüstern:

 

„Hallo, mein Kleiner, wo kommst du denn her? Hi, Kleiner, was ist denn mit deiner Nase passiert? Süßer, hast du dich verirrt? Oh!“  Plötzlich lacht er wieder, weil der Kleine die Zunge ausstreckt und sein Gesicht abzulecken beginnt. „Nein, das nicht! Hör auf  mich abzuschlecken. Ich bin kitzlig. Oh, Oh, Gnade, Gnade! Oh, Oh! Ich spiele nicht mit dir Menschen ...“

 

 

 

„Hallo? Schneeball, Schneeball! Hallo! Kleiner Schneeball! Wo bist du?“

 

 

 

Eine wohlklingende  Stimme klingt aus den dichten Bäumen hervor, ein eindeutiges Rufen. Der kleine Hund spitzt sofort die Ohren und grunzende Laute kommen aus seiner Kehle, vier kleine Pfoten stoßen und treten, um auf die Erde zu kommen. Robert mag ihn noch nicht auf die Erde setzen.

 

Plötzlich springt ein Mädchen aus dem Wald. Bevor Robert sie noch deutlich sehen kann, rast sie aus dem Wald heraus und wie der Wind um ihn herum und versucht, mit der Hand den Hund zu greifen, den er auf dem Arm hat und geht, wie bei einer Plünderung, wild auf ihn los:

 

 

 

„Warum nimmst du mir meinen kleinen Schneeball weg? Er hat ein Herrchen, kannst du dir das nicht vorstellen? Was willst du mit ihm machen? Ihn stehlen, stimmt’s? Mein letzter kleiner Hund, mein kleiner „Kohlebrikett“ wurde auch gestohlen. So gut wie gestohlen! Du bist ein Student, stimmt’s, du bist bestimmt nicht besonders intelligent, einfach stehlen ...“

 

 

 

„Hey, hey,“ er wird hier unglaublich beschimpft. Sein Zorn schießt ihm in den Kopf und er unterbricht sie laut. „Warum redest du so einen Quatsch? Wer hat deinen Hund gestohlen? Ich habe ihn mir nur aus Spaß angesehen, hab’ ihn nur aus Spaß hochgenommen. Wer kennt schon deinen Holzkohleball, deinen Tennisball, deinen Gummiball?“

 

 

 

Das Mädchen bleibt stehen und sieht ihn mit großen Augen an, auf ihrem Gesicht nur echte Verblüffung.

 

 

 

„Ich habe nur Kohleball und Schneeball, ich habe niemals einen Tennisball oder Gummiball gehabt. „Auch nie einen Holzkohleball.“

 

 

 

Als er sie so ernsthaft sprechen hört, ist seine Wut gleich verschwunden. Er möchte lachen. Jetzt erst richtet er seinen Blick auf das Mädchen vor ihm. Kurzes Haar mit einem Pony, das die Augenbrauen unter dem Pony verdeckt. Ein paar charaktervolle, zurückliegende, unruhige, runde Augen. Schwarze Augen, rund und groß, ein bisschen wie dieser „Schneeball“, rote Wangen, rote Lippen,  kleine und leicht nach oben weisende Nase. Ein ziemlich schönes Gesicht, ein ziemlich junges Gesicht. Er guckt, wie sie angezogen ist. Ein weitfallender knallroter Pullover, ein hochgeschlagener Kaninchenfell Kragen, ein  Paar Röhren- Jeans, die bis zu den Knien hochgerollt sind, an den Füßen ein Paar Reitstiefel. Um den Hals und  an der Brust hängen viele kleine Schmuckstücke  - eine getrocknete rote Chilischote,  ein Feuerstein und eine Klinge! Sehr modisch! Sehr stilvoll! Sehr wild! Hübsch! Er holt tief Luft und beginnt zu lächeln, ohne sich dessen bewusst zu sein.

 

 

 

„Wie heißt du?“, fragt er geradeheraus.

 

 

 

„Das sagt ich dir nicht!“ sagt sie, hält ihren Schneeball fest im Arm und geht in Richtung Wald.

 

 

 

Er lehnt sich gegen eine Kiefer und sieht sie an, lächelt und sagt nichts. Der Sonnenschein heute ist so schön, die Wolken heute sind wunderschön, der Wind ist heute schön, der Wald ist heute auch schön - - - Was für ein schöner NachmittagBei so viel schönen Sachen, macht ein einziger Widerspenstiger gar nichts! Er starrt auf den roten Rücken, der schnell im Kiefernwald verschwindet. Plötzlich bleibt sie stehen, dreht den Kopf zu ihm zurück und sieht ihn an. Sie hat ein sehr schelmisches, charmantes und berührendes Lächeln auf den Lippen.

 

 

 

„Ich heiße Flora“, flüstert sie leise.

 

 

 

„Ach?“ Damit hat er nicht mehr gerechnet. Hastig, er würde gern noch länger mit ihr reden und muss irgendetwas sagen, damit sie ihm nicht entkommt. So sagt er den erstbesten Satz, der ihm einfällt: „Im Wald ist die Flora?“

 

 

 

Plötzlich lacht sie. Sie lacht fröhlich, klar, so frisch und sie dreht sich wieder zu ihm um und fragt noch immer lachend: „Gibt es außer Bäumen im Wald auch Flora? Oder vielleicht ein Mädchen Flora? Das möchtest du doch wissen?“

 

 

 

„Natürlich ist das alles dort zu finden“, er versucht sich zu verteidigen und sagt: „Es gibt ja auch das Flora Herbarium auf dem Hügel, die Flora in der Flora, die Flora Geheimnisse ...“

 

Er lacht: „Ach, hör nicht auf mein Gerede! Wie heißt du weiter? Flora...?“

 

 

 

„Oh, du kannst einen wahnsinnig machen! Das sage ich dir nicht!“ Sie stampft mit dem Fuß auf und dabei rutscht ihr ihr kleiner Hund aus dem Arm. Blitzschnell verschwindet der im Wald. Er rennt hinter Tannenzapfen her, stöbert durch Blätter und jagt kleine Spatzen und ist sichtbar glücklich. Nun hat sie es eilig und will hinter ihrem „Schneeball“ herlaufen. Er stellt sich ihr in den Weg.

 

 

 

„Lass ihn laufen! Er kann nicht verloren gehen!“

 

 

 

„Wie kannst du das wissen“, fragt sie.

 

 

 

„Alle Hunde kennen ihr Herrchen.“

 

 

 

 „Und wieso ist er dann dir in die Arme gelaufen?“

 

 

 

„Weil...“ er überlegt, wie er es sagen sollte: „er in mir sein Herrchen erkannt hat.“

 

„Du ...“ sie rollt mit den Augen und plustert ihre Wangen auf, dann kann sie mit einen „Hach“

 

ihr Lachen nicht zurückhalten.

 

 

 

„Du bist gut im Unsinn reden,“ sagt sie „wie heißt du?“

 

 

 

Er äfft sie in Ton und Haltung nach und ssgt: „Sag’ ich dir nicht!“

 

 

 

Sie schiebt ihr Kinn vor. „Nicht nur im Kinderbuch, ich bin ihm wieder begegnet: der Affe lebt!“ murmelt sie deutlich hörbar und dreht den Kopf, um nach „Schneeball“ zu suchen. Das kleine Ding ist so rund und fett, hat so kurze kleine Füße, er ist bereits auf dem Weg zu ihr.   Die Zunge herausgestreckt und keuchend. Es ist nur eine Runde gelaufen und schon außer Atem

 

 

 

Er steht zu Füßen seiner Herrin, legt sich ins Gras neben ihr Füße, streckt die Zunge aus und schnappt nach Luft. Voller Mitgefühl hockt sie sich nieder, setzt sich achtlos auf den Boden und reibt seinen kleinen Kopf mit beiden Händen und säuselt ihm zu:

 

 

 

„Schneeball, Schneeball, wohin gehst du?

 

 Beißt du mal diesen kleinen Bösewicht da?“

 

 

 

Ohne zu überlegen setzt sich Robert Wang mit gebeugten Knien  neben sie nieder, er sieht ihre roten Wangen, ihre glänzenden Augen, dieses junge kindliche Gesicht und fühlt sich in seinem Herzen berührt. Er nimmt einen toten Ast vom Boden  und schreibt in den Matsch die zwei Wörter „Robert Wang“  (Jiang Fluss,  Hao = mächtig, gewaltig, gigantisch) und sieht sie an. Sie lächelt ihn an. Sie nimmt den toten Ast und neben die zwei Wörter Robert Wang schreibt sie die zwei Wörter „Flora Shu“.

 

 

 

Sie sehen sich eine Weile an. Ein Lächeln erfüllt die Augen von zwei Menschen. Er pfeift leise.

 

 

 

„Flora Shu“ – dein Name ist sehr schön.“

 

 

 

Sie schürzt die Lippen.

 

 

 

„Die Bedeutung deines Namens dagegen ist nicht so besonders.“

 

 

 

„Was?“ Er lacht.

 

 

 

„Ihr Mädchen seid doch alle gleich. Ihr seid darauf spezialisiert, die kleinste Kleinigkeit zu bemerken, im Ei noch nach Knochen zu suchen. Ich hatte früher eine Freundin, die war auch so.“

 

 

 

Sie rollt mit den Augen. „Deine frühere Freundin? Wo ist sie hingegangen?“

 

 

 

„Wer weiß?“

 

 

 

Er zuckt mit den Schultern. „Alle spielen nur miteinander, keiner nimmt mehr etwas ernst, nur Tanzen und Filme gucken. So ist das. Und jetzt? Achtzig Prozent sind jetzt die Freundin eines anderen“

 

 

 

Das Lächeln auf ihrem Gesicht ist verschwunden und ihr Gesicht zeigt nun Neugier, Sympathie und Mitleid.

 

 

 

 „Du bist gebrochen?“ fragt sie gerade heraus.

 

 

 

„Gebrochene Liebe?“

 

 

 

Er erschreckt,  dann ist er überrascht und lacht nur.

 

 

 

„Ein Witz! Ich gebrochen vor Liebe? Nun rede mal keinen Unsinn! Robert Wang gebrochen vor Liebe? Du erkundigst dich nicht mal erst! Ich jage keinen Mädchen hinterher. Wenn ich hinter einem Mädchen her bin, um was für eine Art von Mädchen soll ich mich denn bemühen? Ich ‚aus Liebe gebrochen?’ Ich bin gar nicht verliebt! Welche Liebe kann ich da verlieren?“

 

 

 

Sie sieht ihn von der Seite an. Ihre Lippen sind noch mehr geschürzt. Sie beugt den Kopf runter, umarmt ihren kleinen Hund, mit der Hand streichelt sie seinen Kopf und murmelt:

 

 

 

„Schneeball, Schneeball, lass uns gehen und nicht mehr zuhören, wie dieser Typ prahlt!“

 

 

 

Er sieht ihr kindliches Gesicht, hört den Vorwurf und findet das sehr interessant.

 

Er streckt seine Hand aus und zieht an ihrer Kleidung.

 

 

 

„Geh’ nicht! Wo wohnst du?“

 

 

 

„In der Nähe des Waldes

 

 

 

 „Bist du erst vor kurzem hierher gezogen?“

 

Sie nickt.

 

 

 

„Wie alt bist du?“

 

 

 

„Neunzehn:“

 

 

 

„Leuten was vormachen, das kannst du!“

 

 

 

Lachend fragt er:“ Bist du unterentwickelt? Also, du bist höchstens Sechzehn!“

 

 

 

„Quatsch!“

 

 

 

Sie springt unerwartet behände vom Boden auf, hält ihren Mantel mit beiden Händen fest um die Taille,  was deutlich die Konturen ihrer Figur erkennen lässt. Ihr Gesicht ist errötet. Sie dreht sich. Sie hat eine schöne Haltung.

 

 

 

Sie sagt: „Siehst du? Ich bin schon ausgereift. Ich bin Neunzehn, ich belüge dich nicht.“

 

 

 

Er starrt sie an.

 

„Dann hast du also die Oberstufe schon abgeschlossen? Dein Abitur?“

 

 

 

Sie schüttelt den Kopf.

 

 

 

„Nächstes Jahr werde ich meine Prüfung machen. Wenn ich vorher nicht gefeuert werde.“

 

„Gefeuert?“  Er ist geschockt. „Wieso könntest du gefeuert werden?“

 

 

 

Sie verzieht die Lippen zu einem gleichgültigen Gesichtsausdruck.

 

„Ich bin in Englisch sehr schlecht und in Mathematik kann ich auch nichts. Dann hat mir jemand einen Liebesbrief geschrieben und eine Nonne hat ihn gefunden.“

 

 

 

„Eine Nonne?“ Er runzelt die Stirn.

 

 

 

„Ich gehe in eine kirchliche Schule, zu diesen alten Nonnen! Sie selbst können nicht heiraten und hoffen nun, dass sich alle Mädchen in kleine Nonnen verwandeln! Das sind Psychopathen!“ sagt sie anklagend. Sie sieht verbittert hoch und ist überrascht über seinen besorgten Blick. Sofort lässt sie ihre Augenlider fallen.

 

 

 

Beunruhigt und auch ein bisschen verletzt verändern sich ihre Mundwinkel, ihr Gesicht. Sie nimmt ihren kleinen Hund wieder vom Boden auf den Arm und flüstert ihm zu:„Schneeball, Schneeball, wir müssen gehen! Die Leute schauen auf uns runter.“

 

 

 

Sie dreht sich um und will losgehen. „Ich gehe. Mein Mund ist ganz trocken!“

 

 

 

Und wieder hält er sie fest. „Ich habe einen Vorschlag“, sagt er, „wir gehen zu meinem Schneckenhaus und da setzen wir uns hin, ok? Da habe ich Tee und Coca Cola und Äpfel.“

 

 

 

„Schneckenhaus? Was ist das denn?“ fragt sie: „Ist es Salat? Eine Art Essen? Bambussprossenpflanzen?“

 

 

 

Er lacht, „Nein, nein, mein Schneckenhaus kann man nicht essen. Schneckenhaus bedeutet, dass meine Wohnung das Haus einer Schnecke ist.“

 

Sie guckt ihn verwundert an. Ihre Augen sind groß, strahlend und schwarz weiß.

 

 

 

„Gibt es viele Schnecken in deinem Haus? Nein, nein, nein! Es tut mir leid, da gehe ich nicht hin. Dieses gnädige Fräulein hier fürchtet weder Himmel noch Erde, nur Insekten im Fleisch. Und was  Schneckenarmeisenraupen betrifft, wenn ich nur daran denke, kribbelt es auf meinem Rücken.“

 

 

 

„Hör auf davon zu sprechen!“ Er lacht und schüttelt sich. „Was redest du? „Schneckenhaus“ beschreibt mein Haus als klein, schäbig und alt – eben wie ein Schneckenhaus.“

 

 

 

„Das muss es sein!“ sagt sie mit fester Stimme.

 

 

 

„Woher weißt du das so sicher?“

 

 

 

„Du nennst es „Schneckenhaus“, folglich bist du eine Schnecke!“

 

 

 

Er erschreckt, starrt sie an und sieht sie lächeln. „OK, du nennst mich eine Schnecke! Er  streckt beide Hände über dem Kopf aus, wie die Hörner einer Schnecke, dreht sich und eilt auf sie zu und flüstert hörbar; „Die Schnecken kommen! Die Schnecken kommen!“

 

 

 

Sie rennt weg und schreit lachend: „Mach keinen Ärger! Mach keinen Ärger! Wo bist du denn wie eine Schnecke, du bist ein Nashorn!“

 

 

 

Er ist fassungslos und bricht in lautes Lachen aus. Sie fängt auch laut zu lachen an, ihr kurzes Haar flattert im Wind hoch, so dass man die zwei dunklen Augenbrauen sehen kann. Der kleine Hund in ihrer Hand ist von ihrem Laufen, Hüpfen, Lachen unglaublich aufgeregt. Er steht auf den Hinterbeinen, spitzt die  Ohren und hört nicht auf laut  „Wau Wau“ zu bellen.

 

 

 

Freundschaft ist zwischen jungen Leuten sehr leicht aufzubauen. Es braucht nur einen kurzen Moment und sie sind so vertraut miteinander, als wären sie seit Jahren enge Freunde.

 

 

 

Nicht lange danach sitzt sie in diesem unaufgeräumten, unmöglichen Schneckenhaus und hört Musik. Er hat gute Audio-Anlagen. Obwohl er nicht alle vier Sender hat, hat er doch zwei  Lautsprecher, mit dreidimensionalen Effekten, sehr gute Geräte, einen Plattenspieler und  akzeptable Musikaufzeichnungen auf Kassetten. Sie hat ihre Stiefel ausgezogen, barfüßig sitzt sie auf dem Boden mitten in diesem Stapel Bücher, Schallplattenhüllen, Kissen, Ziegelholzbrettern (Früher hatte er mit Ziegeln und Brettern ein Bücherregal gebaut, dann war das zusammengebrochen, er war zu faul gewesen, um es zu reparieren, danach sind  die Bretter, Bücher und Ziegel schnell durcheinander gewürfelt liegen geblieben.) Nun sind in der einen Kiste die eine Hälfte der Bänder und in der anderen Kiste die andere Hälfte. Ein schönes Durcheinander! Das kleine Zimmer hat einen Schreibtisch, ein Bett, einen Stuhl, aber auf dem Schreibtisch ist kein bisschen Platz. Auf dem Stuhl liegen ein Haufen Kleider, auf dem Bett liegt eine kaputte Steppdecke.

 

 

 

Nirgends ist es so gemütlich wie auf dem Fußboden. Sie lehnt sie lehnt sich an die Wand wo sie sitzt, nicht im geringsten bemerkt sie die Unordnung in dem kleinen Zimmer, statt dessen ist sie begeistert und neidisch: „Beeindruckend! Du bist so frei! Dieses kleine Zimmer ist großartig! Deine Eltern mischen sich in dein Leben nicht ein? Sie erlauben dir so ein Leben zu führen? Sie sind Heilige!“

 

 

 

„Sie sind nicht Heilige“, sagt er lachend und zieht aus einer Box unter dem Tisch eine Coca Cola   hervor, öffnet die Flasche und gibt sie ihr. „Die wohnen in Tainan und können mich nicht  kontrollieren! Und wie ist das bei dir so? Wohnst du bei deinen Eltern?“

 

 

 

„ Bei meiner Großmutter, meine Eltern sind beide gestorben.“ Sie nimmt eine Schallplatte in die Hand, legt sie auf den Schallplattenspieler, der auf der Erde neben ihr steht und stellt sie an. „Oh!“ ruft sie fröhlich aus: „Diese Musik ist toll!“

 

 

 

Das ist „Disco“ Musik, der Beat ist schnell und wild. Sofort ist das ganze Zimmer vom Lärm der Musik erfüllt. Sie fängt an zu tanzen, barfuß, ganz im Rhythmus der Musik. Gekonnt führt sie den „Hasso-Sprung“ aus. Überrascht beobachtet er sie dabei mit gemischten Gefühlen. Sie scheint zum Tanzen geboren zu sein. Sie ist voller Rhythmus, voller Vitalität, eine Flamme,  die brennt wie eine tanzende Fackel.

 

 

 

„Komm!“ Sie klatscht in die Hände. „Wir tanzen!“

 

 

 

Er tritt gegen die Flaschen und Gläser und Buchkisten und beginnt gleich mit ihr zu tanzen. Sie lacht ihn ermunternd an und bewundert. Sie dreht sich wunderschön, dreht sich, schmeißt die Füße, berührt die Knie. Er ahmt sie unwillkürlich nach. Sehr schnell schon tanzen sie gut zusammen. Tanzen beschleunigt das Atmen, füllt den Raum mit Hitzewellen, lässt ihre Wangen rot werden und bringt die Augen zum Strahlen.

 

 

 

Der kleine Schneeball ist sehr aufgeregt, wenn Flora und Robert zusammen tanzen,

 

fängt er sofort an, die Fußsohlen der beiden zu fangen. Er kann auch nicht anders, als die Schallplattenhüllen in die Zimmerecke zu zerren und sie auseinander zu reißen und die Kassettenschachteln wie Knochen zu behandeln, die Umschläge von den Büchern abzuziehen  und sie durch die Luft fliegen zu lassen. Dann entdeckt er, dass ein Loch im Kissen ist und einige Gänsefedern herausschauen und er beginnt die Federn herauszuziehen. Nachdem im ganzen Zimmer Federn herumfliegen, sieht er in diesen herumfliegenden Federn sofort  imaginäre Feinde, die er gleich anknurrt, anbellt, attackiert, beißt, jagt und fängt. Nach einer Weile sind im Zimmer Geräusche von Disco Musik, wildem Tanzen, Hundegebell, einer Verfolgungsjagd, kurz: Geräusche größten Vergnügens.

 

 

 

Flora tanzt. Sie sieht, wie ihr kleiner Schneeball im Zimmer herumjagt. Sie tanzt und lacht, ihre Wangen leuchten wie Feuer. Vor Lachen bekommt sie kaum noch Luft.

 

 

 

„Ist das toll! Robert, dein Schneckenhaus ist himmlisch! Wie lange war ich schon nicht mehr so glücklich. Robert, du bist genial! Ein großartiger Mensch! Du bist ein Künstler!“

 

 

 

Er fängt an zu schweben – strahlen,  das ist Leben, noch nie ist er von einem Mädchen so direkt gelobt worden. Obwohl diese Komplimente etwas vage klingen, ist seine männliche Eitelkeit befriedigt.

 

 

 

„Warum bin ich ein Künstler?“ fragt er  mit hochgezogenen Augenbrauen.

 

 

 

„Du verstehst es, dein Leben nach deinen Wünschen einzurichten.“ Sie tanzt nah zu ihm und legt beide Hände um seine Taille mit Blick auf sein Gesicht, ihre Augen befinden sich genau gegenüber seinen Augen. „Zu leben verstehen, ist die allergrößte Kunst. Ich kenne viele Studenten, die nur Bücherwürmer sind!“ Sie hört plötzlich auf zu tanzen und sieht ihn an. Ihre großen, brennenden, hellen Augen starren ihn einen Moment an. Er ist verblüfft und sieht verdutzt aus, dann wird sein Gesicht rot.

 

 

 

„Was siehst du?“ fragt er mit rauer Stimme.

 

 

 

„Ich sehe dich!“ antwortet sie einfach und blinkt nicht einmal mit ihren langen Wimpern.

 

 

 

„Was siehst du?“

 

 

 

„Dich ----“,  sie dehnt den Klang des Wortes, seufzt, und sagt dann sehr ehrlich, ernst und aufrichtig: „Du bist sehr hübsch!“

 

 

 

Sie hat ihn zum Erröten gebracht. Er fühlt sich unsicher und völlig verloren.

 

 

 

„Du bist ein mutiges Mädchen“, sagt er.

 

„Ich bin nicht mutig, ich bin  nur offenherzig“, sagt sie und lacht.

 

„Gefällt dir denn ein Mädchen, das so tut, als ob es edel sei? Oder so, als ob es schüchtern wäre? Ich hasse Heuchelei! Ich sage, was ich denke und mache oder machen möchte. Ich will das Leben leben, das ich leben will. Ist daran etwas falsch? Du bist zum gut aussehenden Menschen herangewachsen,  also, bist du hübsch. Deine Augenbrauen sind dicht, deine Augen sind hell, du hast auch einen ansprechenden Mund!“

 

 

 

 „Du hast erst mal einen ansprechenden Mund“, sagt er.

 

 

 

Ihm ist schwindlig und er fühlt sich ganz leicht,  er hat das Gefühl, dass er noch leichter als die Gänsefedern durch das Zimmer fliegt. So leicht, wie ein Wasserstoff-Ballon, der bis zum Dach fliegt.

 

 

 

„Du bist erst mal hübsch! Deine Augen sind wie Sterne. Dein Mund ist wie Blütenblätter, deine Haare sind wie aus Satin - - -.“

 

 

 

„Ach du liebe Zeit!“ ruft sie laut und kann vor Lachen den Kopf nicht heben.

 

 

 

„Gleich werde ich taub! Gib nicht zu viel preis, Gänsehaut am ganzen Körper muss ich abwischen.  Weg ist es! Sag nichts, lass uns tanzen!“

 

 

 

Sie tanzen und lachen und schreien und machen Lärm - - - plötzlich klingelt das Telefon. Sie  tanzt weiter, sagt beim Tanzen aber: „Das Telefon! Ich höre das Telefon klingeln.“

 

 

 

Ja, das Telefon. Robert sucht im ganzen Zimmer. Er findet es nirgends. Flora hilft ihm. Geht er hierhin, dann tanzt sie auch dorthin. Sie tanzt so, dass ihr Haar ganz durcheinander und aufgebauscht ist, ihre Augen sind  ganz durchsichtig. Angesichts eines so jungen und charmanten Gesichts voller Vitalität und Lebensfreude fühlt sie sich wie betrunken. Es ist wirklich nicht leicht. Er liegt auf dem Bett und angelt in der Steppdecke nach dem Telefon. Er nimmt den Hörer. Sie hört Arthur Wang, der am anderen Ende geduldig mit tiefer Stimme freundlich fragt: „Was zum Teufel machst du? Das hat aber lange gedauert, bis du das Telefon abgenommen hast?“

 

 

 

„Oh, mein großer Bruder!“ Er schreit aufgeregt: „Entschuldigung, ich bin gerade am Tanzen...was? Du kannst mich nicht verstehen? Was? Ob ich mit dir Abendessen möchte? Warte mal....“ 

 

 

 

Er schaut zu Flora, die mit dem Tanzen aufgehört hat. Sie sieht ihn lächelnd an. Ihre Augen sind wie Sterne in der Nacht, ihr Gesicht ist rot wie Wein und ihre Lippen sind wie Kirschen.

 

 

 

„Großer Bruder „ sagt er mit entschuldigender Stimmt: „Heute Abend habe ich keine Zeit, ich kann nicht nach Taipeh kommen! Ich – ich – ich muss englische Literaturgeschichte vorbereiten!“

 

 

 

„Jüngerer Bruder,“ sagt Arthur Wang sehr deutlich: „du hast immer noch das alte Problem: du stotterst, wenn du lügst.“

 

 

 

Kleiner Schneeball weiß nicht, was der Draht bedeuten soll, der in Roberts Hand endet. Er stürzt sich darauf  und behandelt den Draht wieder wie einen imaginären Feind. Schnappt nach ihm, beißt nach ihm und bellt laut. Robert bemüht sich, den Hörer aus Schneeballs Reichweite zu bekommen, Flora bückt sich lachend. Robert greift mit einer Hand Schneeball, gleichzeitig ruft er ins Telefon „Großer Bruder, weißt du, alles ist in Ordnung......  Geh’ weg! Schneeball! Oh ... Großer Bruder, ich habe dich nicht gemeint... Kleiner Schneeball, du Bastard! Oh ... Großer Bruder, ich meine nicht dich! Ich rede mit einem kleinen Hund. Oh, es geht mir sehr gut, ich bin nicht krank, ich habe kein Fieber mehr, ich lüge dich nicht an ... Furchtbar! Schneeball! ...“

 

 

 

Flora fällt mit einem Lachen aufs Bett.

 

„Jüngerer Bruder“,  sagt Arthur Wang geduldig, „Was machst du wirklich? Hast du einen Abschlussball? Hast du Alkohol getrunken? Ist das vielleicht so?“

 

 

 

„Nein, großer Bruder. Keinen Tropfen Alkohol, auch keinen Abschlussball .... Schneeball! Du blöder Bastard, wie kannst du mir in die Nase beißen! Flora, du passt überhaupt nicht auf ihn auf! Du lässt ihn mich absichtlich ärgern. Furchtbar....“

 

 

 

„Jüngerer Bruder“, Arthur Wang seufzt: „Wie läuft dein Leben denn im Augenblick so? Bist du glücklich? Wenn ich deine Stimme höre, obwohl sie sehr komisch klingt, scheinst du sehr aufgeregt zu sein...“

 

 

 

„Ich bin glücklich, ich bin sehr glücklich! Ich war schon lange nicht mehr so glücklich!“ Schnell sagt Robert: „Ok, großer Bruder! Ich muss dich ein anderes Mal anrufen, sonst kann ich jetzt meine Nase nicht schützen!“

 

 

 

Nach dem er aufgelegt hat, sieht er Flora an. „ Du gnadenloser Mensch!“ Laut brüllt er: „Du ermunterst Schneeball mir in die Nase zu beißen! Mit dir werde ich abrechnen!“

 

 

 

„Ja? Großer Bruder --- hab ich nicht, Großer Bruder, bin ich nicht, Großer Bruder...“ Sie versucht seinen Ton nachzumachen: „Du hast einen großen Bruder, ja?“

 

 

 

„Ja“, er beruhigt sich ein bisschen und macht nun ein feierliches Gesicht: „Ich habe den besten Bruder der Welt! Er hilft mir die Studiengebühren zu bezahlen, kümmert sich um die ganze Familie. Er hat mir das Abspielgerät gekauft und lässt mich leben wie ein König!“

 

 

 

Sie seufzt „So ein Glück hat nicht jeder Mensch!“

 

 

 

Er sieht sie an: „Du hast keine Geschwister?“

 

 

 

„Nein.“

 

 

 

Du würdest meinen großen Brüder mögen.“ Er fährt warmherzig fort: „Er ist 10 Jahre älter als ich. Er ist der beste Bruder der Welt! Warte ein bisschen, ich stelle ihn dir vor, dann kennst du ihn. Du wirst ihn bestimmt mögen! Er weiß viel, ist nachdenklich, kann viel und ist enthusiastisch!“

 

 

 

„Hmm!“ Sie zuckt mit den Schultern. „Es gibt solche Menschen, die kann man im Museum als leuchtendes Beispiel ausstellen!“

 

 

 

„Du.......“ er zieht die Augenbrauen hoch: „Mach über meinen Bruder keine Scherze...“

 

 

 

Sie beugt sich vor, um Schneeball hochzunehmen und schmiegt dann ihre Wangen an den pelzigen Rücken des Welpen und flüstert leise: „Schneeball, Schneeball, wir müssen los. Diese Schnecke hier ist wütend!“

 

 

 

Er lacht. Und da bleibt das Mädchen vor ihm stehen.

 

 

 

„Geh nicht!“ sagt er lächelnd: „Ich weigere mich nach Taipeh zu fahren, um mit meinen großen Bruder zu essen, um mit dir zusammen sein zu können! Du musst mit mir zusammen essen. Ich lade dich zu Gebratenen Austern ein.“

 

 

 

Sie schlägt die Wimpern hoch und fragt: „Und was ist, wenn ich dazu nicht bereit bin?“

 

 

 

„Bist du bereit?“ fragt er.

 

 

 

„Ich bin bereit.“ Sagt sie ohne Zögern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4. Episode

 

 

 

 

 

 

 

Bei Einbruch der Dämmerung ist es nur windig, bis zur Nacht. Dann beginnt es erbarmungslos zu regnen. Erst wenig, dann heftig. Auch der Wind wird immer stürmischer. Es  dauert nicht lange und an der Fensterscheibe rüttelt und regnet es, ding- ding-dong-dong-bäng. Unzählige Regentropfen rutschen am Fensterglas runter. Die Autos leben außerhalb der Fenster und fliegen vorbei, sie halten nicht an und werfen auf die Fenster Licht und Schatten. Diese Lichter und Schatten strahlen kurz auf die Regentropfen und machen aus ihnen lauter bunte Kristallkugeln.

 

 

 

Arthur Wang sitzt allein in seinem Apartment. Er sitzt auf  dem großen Sofa vor dem Fenster. Neben ihm steht eine hellblaue Stehlampe, deren Licht ihn sanft umgibt. Auf seinen Knien ist das Manuskript des Buches „Der Schwarze Engel“ ausgebreitet. Er hat es schon mindestens dreimal von Anfang bis Ende  gelesen und die Worte berühren ihn jedes Mal wieder. In der Hand hält er eine Tasse Tee, der bereits kalt geworden ist. Er wirft einen Blick auf die Regentropfen am Fenster. Im Zimmer ist es so ruhig und still, dass sich die Ruhe auch in seinem Herzen ausbreitet. Es ist so leise, dass man daran fast erstickt. Er sieht auf das Manuskript auf seinen Knien. Da ist wieder dieses kleine Gedicht:

 

 

 

Wenn der Abendwind durch die Fenstergitter streicht

 

Wenn der nächtliche Nebel die Erde umhüllt

 

Wenn der Mann verlassen und einsam aufwacht

 

Steht der Schwarze Engel vorm Fenster und lächelt ihm zu.

 

 

 

 

 

Da, das scheint eine Beschreibung von ihm zu sein! Daran hat er noch nicht gedacht. Seine eigene Dämmerung vieler Nächte. So hat er es erlebt. Der Schwarze Engel, er hatte ursprünglich geglaubt, sie selbst käme in diesem Roman vor, sie würde den „Schwarzen Engel“ benutzen um damit Rache auszudrücken, Rache, Pest und Krieg. Wenn man den Inhalt kennt, ist diese Annahme absurd. „Der Schwarze Engel“ scheint ein hilfloses Schicksal zu symbolisieren. Dieser Roman ist mutig, er ist sehr europäisch, sehr märchenhaft und unrealistisch. Der Hintergrund der Geschichte ist ein kleines Fischerdorf in Großbritannien. Der Held ist ein Priester. Die Handlung ist einfach, aber sie reißt Leser mit. Der Priester ist das Idol der Dorfbewohner. Er ist liebenswürdig, jung, mutig, verantwortungsbewusst, wohlwollend und schön, tiefgreifend, ... er vereint auf sich alle denkbaren positiven Eigenschaften. Aber er ist ein Mensch und kein Gott. Er hat immer noch menschliche Wünsche, menschliche Gefühle, menschliche Schwächen. Er kämpft als Mensch und Gott in beiden Reichen. Im Dorf gibt es eine Bar. Da wohnt die Quelle der Sünde. Für die Fischer gibt es hier alles: Alkohol, Prostituierte, Glücksspiele. Und hier lebt eine Seele, die gerettet werden muss: eine Schwarze Frau.

 

 

 

Die Geschichte handelt davon, wie die Schwarze Frau und der Priester sich miteinander anfreunden. Der Priester will die Schwarze Frau retten. Wie Don Quijote, der das edle Sklaven-Mädchen verehrte. Am Schluss ist die Schwarze Frau über sein freundliches Verhalten ergriffen. Alles Böse fällt von ihr ab. Aber eines Abends macht der Priester etwas, was alle Menschen machen. Es kommt noch schlimmer, denn die Schwarze Frau wird schwanger. Er ist wütend auf sich, so verzweifelt und auch wütend auf sie. Da wirft sich die Schwarze Frau leise ins Meer. Niemand kennt den wahren Grund dafür. Der Priester verbringt viele schlaflose Nächte. Eine Wahrheit erkennt er. Nämlich die, dass er auch nur ein Mensch ist und kein Gott. Er verlässt das Fischerdorf. Einige Jahre später lässt er sich in einer anderen Stadt nieder und wird ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er nimmt eine Frau, lebt das normale Leben aller ’Menschen’, aber seine Frau bringt einen Engel zur Welt, nämlich ein gesundes Schwarzes Baby!

 

 

 

 

 

Arthur mag die Geschichte nicht. Sie ist zu märchenhaft, zu sehr nach ausländischem Geschmack. Da sind zu viele religiöse Ideen und zu viel Harmonie. Das klingt nicht nach einer Geschichte, die ein Chinese geschrieben hat. Aber Sybil ist in England aufgewachsen und darum kann sie nicht eine chinesische Geschichte schreiben! Was ihn schockiert, ist ihre raffinierte und scharfe Ausdrucksweise. Sie portraitiert die menschliche Natur mit tiefem Mitgefühl. Sie schreibt über Einsamkeit, sie schreibt über Sehnsüchte, sie schreibt über menschliche Instinkte, sie schreibt über zarteste Regungen zwischen Männern und Frauen ...... du lieber Himmel, sie ist  einfach genial!

 

 

 

Der Regen vor dem Fenster ist noch heftiger geworden, er hört dem Regen zu, beobachtet die kleinen Lichtblitze auf den Regentropfen. Er kann nicht stillsitzen, will das  Manuskript auf den Schreibtisch legen. Er steht auf,  hält es in den Händen, geht im Zimmer herum, er läuft im Kreis, und noch einmal im Kreis ----  und steht schließlich vor ein paar Sachen unter anderem auch vor dem Telefon auf dem Schreibtisch. Er starrt es an.

 

 

 

Er denkt ein paar Minuten nach, dann nimmt er den Hörer und beginnt zu wählen ----- eine Nummer, die er erst vor kurzem auswendig gelernt hat. Das Telefon der anderen Partei klingelt, er hört zu. Ein Piepton, zwei Pieptöne, drei Pieptöne, vier Pieptöne, fünf Pieptöne ---- keiner nimmt ab, keiner ist zu Hause. Er weigert sich hartnäckig aufzulegen, unbeirrt hört er dem monotonen Klingelton zu. Schließlich seufzt er, legt den Hörer wieder auf die Gabel, starrt aber weiter auf das Telefon. Er weiß selbst nicht, was er tun will, was er tun soll oder was er tun könnte.

 

 

 

Nach einer ganzen Weile reißt er sich zusammen, sieht auf die Armbanduhr. Es ist abends zehn Minuten nach acht Uhr. Er könnte beispielsweise mit dem Auto nach Danshui fahren und Robert besuchen. Der Junge war kürzlich äußerst verrückt und mysteriös. Dass er sich bloß nicht mit schlechten Freunden zusammen tut, dass er bloß nicht anfängt Pot zu rauchen, denkt er und erinnert sich lebhaft an dessen strahlendes Gesicht und an dessen energiegeladene Stimme: „Großer Bruder, du glaubst nicht, dass es ein Mädchen wie Flora Shu auf der Welt gibt. Sie kann sich in einer halben Minute hundert Streiche ausdenken, die man spielen könnte!“

 

 

 

Aus Erfahrung weiß er, dass solche Mädchen reizend sind, aber auch gefährlich! Er nimmt den Hörer wieder hoch und wählt Roberts Telefonnummer.

 

 

 

Dingeling, dingeling, dingeling, klingelt es. Nonstop klingelt es weiter, aber es nimmt niemand ab. Ist da auch keiner zu Hause? In so einer regnerischen Nacht ist der auch nicht zu Hause? Vermutlich sind alle möglichen Mädchen bei ihm. Regen und Nacht sind für  die Jugend keine Hindernisse. Er legt den Hörer auf und sieht aus dem Fenster. Zeit für eine Pause. Es entsteht eine Art trauriger Stille, ein Gefühl der Einsamkeit überkommt ihn, vollkommen, von Kopf bis Fuß. Er nähert sich der Fenster-Glastür und legt seine Stirn gegen das Glas. Er blickt auf den Shuttlebus auf der Straße; Autos sind wie fließendes Wasser und Pferde sind wie Drachen! Warum hält er das Fenster fest, lauscht den tiefgründigen Geräuschen des Windes, des Regens?

 

 

 

 „Dingdong!“ Plötzlich klingelt es an der Tür. Er ist überrascht und erfrischt. Heute Abend, egal wer, ist jeder ein Retter aus der Einsamkeit. Er eilt zur Wohnungstür. Schnell öffnet er sie. Davor steht, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, Sybil.

 

 

 

Sie trägt einen violetten Zweiteiler. Das Oberteil reicht bis zu den Knien und die Hose hat die gleiche Farbe. Ihr langes Haar ist locker mit einem lila Stirnband zusammen gehalten. Über ihrem Zweiteiler trägt sie einen weißen Mantel. Ihr Haaransatz, auf der Stirn, auf der Nase, auf den Wimpern, alles ist mit winzigen Regentropfen bedeckt. Sie ist schlank und anmutig. In der Hand hält sie eine Papiertüte aus dem Supermarkt voll mit Brot, Marmelade, Butter, sowie anderen guten Produkten. Sie lächelt und sagt: „Ich habe noch kein Abendbrot gegessen. Ich weiß nicht, ob du mich einlädst. Ob ich hier etwas zu essen bekomme? Ich könnte natürlich in meine Wohnung zurückgehen und mir da Sandwiches machen. Aber ich bin so müde, immer alleine zu essen.“

 

 

 

Sein Körper entspannt sich und die plötzliche Überraschung bringt sein Gesicht zum Leuchten.

 

„Ob ich dich willkommen heiße?“ Er schnappt nach Luft und sagt: „Was könnte ich mir mehr wünschen als genau das?“

 

 

 

Sie kommt herein und stellt die Lebensmitteltüte auf den Tisch, den Mantel wirft sie auf das Sofa, ihre Augen halten einen Augenblick sanft auf seinem Gesicht an und dann lässt sie kurz einen Blick durch den ganzen Raum schweifen.

 

„Oh“, sagt sie: „Du bist ja ein richtige Puritaner! Du lebst wirklich ein unabhängiges Leben. Schwer zu wissen, ob du ein Mensch bist, der einsam ist oder nicht allein sein möchte?

 

Schwer vorstellbar, dass du übst, ein Heiliger zu sein, mit reinem Herzen und wenig Wünschen?“

 

 

 

Er erinnert sich plötzlich an den Priester im „Schwarzen Engel“. Er kann nicht anders, sofort überfällt ihn ein Schauder. Er sieht sie an, lächelnd sagt er: „Ich habe dich angerufen,  wenigstens hundert Mal. Von früh morgens an warst du nicht zu Hause. Du warst für einige Tage verschwunden. Bist du so beschäftigt?“

 

 

 

„Geschäftigkeit ist die beste Medizin gegen Depressionen.“ Sagt sie und geht in die Küche und holt Messer, Gabeln, Teller „und den Dosenöffner. „Ich habe eine Flasche Rotwein mitgebracht. Würdest du etwas mit mir etwas trinken?“

 

 

 

Er packt sie am Handgelenk. „Bist du deprimiert?“ Er sieht ihr tief in die Augen. „Warum? Sag es mir!“

 

 

 

Sie hält inne und erwidert ruhig seinen Blick. „Depression muss keine Ursache haben, stimmt’s? Melancholie ist wie ein zarter Wind, der einfach und leicht durchs Fenster herein kommt und den man nur schwer wieder hinausbekommen kann.“

 

 

 

„Du musst dein Fenster fester schließen.“ Sagt er.

 

 

 

Sie schüttelt den Kopf. „Ich bin gerade aus der Fenstertür hinaus gerannt. Der Wind, der überall ringsherum ist, fühlt sich besser an, als ein bisschen Wind.“ Sie drückt die Mundwinkel zusammen und lächelt schwach. Sieh mich nicht so an. Mir geht es gut, total normal. Jeder kann mal melancholisch werden. Melancholie ist dasselbe wie Glück, ein sehr alltägliches menschliches Gefühle.“

 

 

 

„Was hast du den ganzen Tag gemacht?“

 

 

 

„Oh“, sie zuckt mit den Schultern und schnaubt. „Ich bin in die Vororte gefahren, an den Strand, nach Dali. Kennst du Dali? Da gibt es einen Fischereihafen. Da fahre ich hin und sehe mir die Fischer an. Sie sitzen vor den Eingängen ihrer kleinen Häuser und reparieren ihre Fischernetze. Die alten Fischer haben viele Falten an Händen und Gesichtern, die ihren Seilen sehr gleichen.“

 

 

 

Er blickt sie überrascht an. „Für Fischerdörfer interessierst du dich sehr!“ Er denkt an den Schwarzen Engel.

 

 

 

Sie runzelt die Stirn und bekommt einen nachdenklichen Ausdruck in die Augen, dann hebt sie den Blick und lässt ihn über den Couchtisch schweifen. Da sieht sie ihr Manuskript vom „Schwarzen Engel“ liegen.

 

 

 

„Du hast meinen Roman endlich zu ende gelesen!“

 

 

 

„Den habe ich schon lange zu Ende gelesen. Heute habe ich ihn zum dritten Mal gelesen.“

 

 

 

„Offensichtlich gefällt er dir nicht!“ Sie fixiert ihn.

 

 

 

„Warum?“

 

 

 

„Weil ich ihn auch nicht mehr mag.“

 

 

 

Sie hat leise und entschieden gesprochen, geht zum Couchtisch und stellt Teller und Brote hin und zwei Gläser. Sie macht aus dem Couchtisch einen Esstisch und gleichzeitig sagt sie:

 

 

 

„Erstens ist mein Roman weder chinesisch noch europäisch. Zweitens ist er märchenhaft und aber auch wieder nicht. Drittens, er ist ein Roman und auch keiner. Viertens, er hat keine Überzeugungskraft. Und fünftens ist er viel, viel, viel, viel zu weit von der Realität entfernt.“

 

Sie hat viermal das Viel hintereinander wiederholt, um diesen Nachteil hervorzuheben.

 

„Du musst dir um diese Sache keine Sorgen mehr machen.

 

Ich bin doch nicht so dumm ihn publizieren zu lassen!“

 

 

 

„Sei doch nicht so empfindlich, ok?“ Er kommt zum Sofa und redet gleich weiter: „Tatsache ist, dass der Roman sehr gut geschrieben ist, er zieht die Leser ins Weiterlesen, er seziert die Menschheit, er stellt wichtige Fragen -----“

 

 

 

Sie schüttelt langsam den Kopf. Auf ihren Lippen schwebt ein sanftes Lächeln. Ihre Stimme ist klar, entschlossen und aufrichtig.

 

 

 

„Du musst es nicht machen, weil ich die kleine Schwester von Amanda bin und ich dadurch anders behandelt werde. Du darfst nicht aufgrund solcher Überlegungen Manuskripte bevorzugen. Aber am wichtigsten ist es einen Schriftsteller nicht unreif und zu früh zu veröffentlichen. Zu leicht bekommt er dann einen großen Namen und kann arrogant werden, blasiert und großkotzig! Das solltest du nicht, Arthur. Fördere nicht diese Art von Schriftstellern! Dann würdest du mich enttäuschen“

 

 

 

Er sieht sie an.  Eindringlich sieht er sie an. Entschieden sieht er sie an und fest. Eine Weile fehlen ihm die Worte um zu antworten. Sie wirft ihr langes Haar schwungvoll zurück und sagt lachend:

 

 

 

„Ich weiß, du hast bereits Abendbrot gegessen - - - -“

 

 

 

„Woher weißt du das?“ unterbricht er sie.

 

 

 

„Das kann ich mir nicht vorstellen, dass du noch nicht gegessen hast.“

 

 

 

Fassungslos fragt sie: „Weißt du wie spät es jetzt ist?“

 

 

 

„Nach der Arbeit habe ich bei dir angerufen. Ich wollte dich zum Essengehen einladen“, sagt er, „aber bei dir zu Hause hat keiner das Telefon abgenommen. Wie du eben gesagt hast: ich bin es so leid alleine zu essen. Ich komme nach Hause, lese Manuskripte, höre den Regen, telefoniere.... Essen und solche Sachen vergesse ich!“

 

 

 

Sie blinzelt ihn eine Weile an.

 

 

 

„Es sieht so aus, als ob du wirklich jemanden brauchtest, der sich um dein Leben kümmert“, sagt sie. „Warum bist du noch nicht verheiratet? Wenn ich mich nicht täusche, bist du schon dreißig Jahre alt.“

 

 

 

„Möglicherweise“, er starrt sie immer noch an. „Ich warte.“

 

 

 

„Warten auf was?“ Ihre Wimpern leuchten auf und diese schwarzen Augen flackern unter den Augenlidern.

 

 

 

„Warten - - - -“ Seine Stimme ist leise wie ein Flüstern „ auf Amandas Auferstehung!“

 

 

 

Sie dreht sich schnell um und geht in die Küche.

 

Dabei sagt sie mit einer vorgetäuschten frischen Stimme, schwungvoll und fröhlich:

 

 

 

„Lass mich mal in deinen Kühlschrank sehen, ob es da etwas zu essen gibt. Im Ausland habe ich immer Toast Schinken Sandwich gegessen. Du magst solche Sachen bestimmt nicht zum Abendbrot. Ich kann dir auch gebratenen Reis mit Ei machen ----.“ Er hält sie an. „Mach dir keine Sorgen!“ sagt er, „Lass uns einfach ein bisschen essen. Und wenn wir nicht satt werden, können wir immer noch nachts etwas essen gehen!“

 

 

 

„Das ist auch gut!“ sagt sie einfach, setzt sich aufs Sofa und beginnt ein Brot zu essen. Sie isst und lacht dabei. „ehrlich gesagt, ich bin überhaupt nicht gern in der Küche!“

 

 

 

Er sitzt ihr gegenüber, trinkt Rotwein und isst von den Broten. Auf einmal ist es Frühling. Auf einmal ist  die Einsamkeit zum Fenster hinaus. Auf einmal ist es warm in der Wohnung. Auf einmal ist vor dem Fenster immer noch Wind und der Regen ist heftig. Es ist aber auch schön, wenn es windig ist. Es ist auch schön, wenn es regnet. Sie isst sehr wenig, die meiste Zeit trinkt sie nur Wein und sieht ihn lächelnd an. Sie hat schon viele Menschen dazu gebracht etwas zu sagen.

 

 

 

Er isst auch sehr wenig, weil er  beobachtet, wie sie ihn dazu bringt, etwas zu sagen.  Zusammenhänge, die, im Vergleich zu den schwerstverständlichen Manuskripten, immer noch schwer zu verstehen sind. Er weiß nicht, wie sie es macht. Mehr oder weniger ihr ganzer Körper bringt noch etwas Einzigartiges mit, das schwer zu beschreiben ist, etwas Verschlossenes.

 

 

 

„Ich war heute in Dali und habe beobachtet wie die Fischerboote zurückkommen“, sagt sie und benutzt beide Hände um das Weinglas zu halten. Ihre weißen Finger setzen sich stark vom Rotwein ab und werden durch das Licht ein schönes Rosa.

 

 

 

„Ich habe in dem Netz einige Fische gesehen, einige lebten noch, im Netz bewegten sie sich und sprangen sie noch.“ Nachdenklich sieht sie auf ihr Rotweinglas. „Arthur, hast du früher mal ein Fischleben erforscht?“

 

 

 

„Nein.“

 

 

 

„Wusstest du, dass Fische eine Art wunderschöne und erstaunliche Tiere sind?“

 

 

 

Sie hebt den Kopf und macht die Augen weit auf, der Blick aus ihren Augen ist lebhaft angeregt.

 

„Sie haben hübsche Fischschuppen. Alle Fischschuppen sind wie Edelsteine und reflektieren die Sonne und haben eine ganz bunte Aura. Sie haben ganz unterschiedliche Formen, wenn sie im Wasser schwimmen ist ihre Haltung so wunderbar wie die der besten Tänzer.“

 

 

 

Er ist von dem Blick in ihren Augen berührt.

 

 

 

„Und du gehst extra ans Meer um diese Tänzer zu studieren?“

 

 

 

„Ich sehe, wie sie im Netz kämpfen.“

 

 

 

Ihr Blick ist betrübt, ihre Stimme ist traurig.

 

 

 

„Ich stehe auf dem Felsen am Meer und blicke über das Meer. Der Ozean ist groß und breit, grenzenlos. Ich stehe dann da und denke, so ein großer Ozean und so ein kleiner, kleiner Fisch darin. Er ist wirklich winzig klein, winziger ginge es gar nicht. Der Ozean ist so groß, der kleine, kleine Fisch kann überall hin schwimmen. Warum sagen sie sich so viele, ich schwimme jetzt ins Fischernetz?“

 

 

 

„Du bist wirklich zu empfindsam, Sybil“, sagt er: „Für einen Fisch muss man nicht traurig sein, sonst kannst du schnell nicht mehr fröhlich werden.“

 

 

 

„Ich bin nicht wegen eines Fisches traurig.“ Sie sieht ihm fest in die Augen. „Fische gehen ins Netz weil der Fischer ein Netz ausgelegt hat. Und was ist mit Menschen?“

 

 

 

„Menschen?“ Er ist überrascht. „Was willst du damit sagen?“

 

 

 

„Menschen können auch in Netze gehen“, sagt sie leise. „Und diese Netze können vielleicht von einem selbst gewebt worden sein.“

 

 

 

„Du willst sagen - - - -“ er denkt nach. „Die Menschheit spinnt sich leicht in einen Kokon.“

 

 

 

Sie sieht ihn an, steht auf und trägt die Teller in die Küche. Erst zwei Schritte gegangen, bleibt sie plötzlich stehen. Auf einem Bücherregal hat sie einen Rahmen entdeckt. Sie geht zu ihm hin, die Teller in der Hand stellt sie nebenan auf das Regal. Sie streckt die Hand aus und nimmt den Rahmen. Im Rahmen ist das Foto eines jungen Menschen. Dieser junge Mann ist hübsch, äußerst britisch, energiegeladen und lacht über das ganze Gesicht, scheint die Freude der ganzen Welt zu sein, alle stehen versammelt unter seinen Augenbrauen.

 

 

 

„Das ist mein kleiner Bruder.“ Arthur geht zu ihr und sagt: „Ich bin in der Familie der große Bruder, darunter sind meine beiden jüngeren Schwestern, das ist das vierte Kind, mein jüngerer Bruder. Er heißt Robert. Meine beiden Schwestern sind schon verheiratet. Sie haben geheiratet und sind nach Amerika gegangen. In Taiwan ist nur mein kleiner Bruder, der in Danshui wohnt und studiert.“

 

 

 

Er streckt die Hand aus, wischt vorsichtig den Staub vom Rahmen. Er nimmt das Foto wie einen Schatz und gibt es ihr zum Anschauen.

 

 

 

„Mein kleiner Bruder sieht sehr hübsch aus, stimmt’s?“

 

 

 

„Sie betrachtet das Foto, dann ihn und sagt: „Nicht so hübsch wie der große Bruder.“

 

 

 

„Sag so etwas nicht, du bringst mich zum Erröten.“ 

 

 

 

Er nimmt den Rahmen vorsichtig und starrt den jungen Mann einen Moment an.

 

 

 

„Er war schwach und krank als Kind, die ganze Familie liebte ihn am meisten. Mit acht Jahren erkrankte er sehr schwer, er wäre fast gestorben. Seit damals behandeln wir ihn wie ein Baby. Jetzt ist er erwachsen. Er ist groß, stark und gesund, kann Ärger machen, Lachen und Freundinnen finden - - - . Oh, wenn du ihn kennenlernst, wirst du ihn bestimmt mögen. Er ist nicht so steif wie ich. Er kann Witze erzählen, liebt Musik, Tanzen, Literatur, Kunst - - - Oh, wenn du ihn kennenlernst!“

 

 

 

Sie guckt ihn komisch an. Ihr Brüder mögt euch wohl sehr gern, was?“

 

 

 

„Ja, sehr!“ Er nickt mit dem Kopf. „Sehr, sehr gern. Ich liebe ihn, genau wie Amanda ihn geliebt hat.“

 

 

 

Sie ist schockiert. Ein Schauder durchläuft sie unwillkürlich wie eine Welle. Er ignoriert nicht ihr Zittern und streckt die Hand nach ihr aus. Er hält ihre Hand in seiner. Er merkt, dass ihre Hand so kalt wie ein Stück Eis ist. Er erschrickt und fragt: „Was hast du?“

 

 

 

„Amanda mochte deinen kleinen Bruder?“ fragt sie.

 

 

 

„Sie hat ihn nie gesehen. Robert war immer in Tainan. Letztes Jahr hat er erst Abitur gemacht und hat die Universität begonnen, er ist gerade erst in den Norden gezogen.“

 

 

 

„Deine Eltern und Familie leben alle in Tainan? Sie haben Amanda alle nie kennen gelernt?“

 

 

 

„ Ja. Ich dachte, du wusstest das.“

 

 

 

„Amanda und du habt euch fünf Jahren geliebt und sie hat deine Familie nie gesehen?“

 

 

 

Sie sieht ihn verwirrt an.

 

 

 

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du sie niemals nach Tainan gebracht hast? Und deine Eltern nicht nach Taipeh gekommen sind um sie kennen zu lernen?“

 

 

 

Er ist ein bisschen erschrocken und wird plötzlich unruhig.

 

 

 

„Das verstehst du nicht, wir waren in der Zeit so beschäftigt - - - -.“ Er zögert, erläutern möchte er. Umständlich sagt er: „Ich wollte erst mal einen ganz kleinen Verlag, mit dem Fahrrad Bücher versenden, bei den Fahrten sind die Lymphdrüsen an beiden Beinen geschwollen. Deine große Schwester, sie - - - sie - - - - sie - - - sie war eine Heilige. Sie selbst musste tagsüber jeden Tag zum Unterricht und später zu ihren Vorlesungen. Abends hatte sie Teilzeitjobs, die halbe Nacht half sie mir dann noch beim Korrektur Lesen - - - -  Wir haben zu viel getan. Es war eine bittere Zeit. Wir haben so viel gearbeitet, dass wir keine Zeit fanden, um über Heiraten zu sprechen. Wir waren so ausgelaugt, wir hatten einfach keine Kraft mehr, um über Heiraten zu sprechen. Wir haben gewartet auf die Zeit, bis ich ein wenig Erfolg habe, bis wir uns unseren Problemen stellen können und da war sie schon tot.“

 

 

 

Er reißt sich zusammen, stützt sich am Regal. Seine Finger krallen sich um ihre und sinken in ihre Muskeln ein.

 

 

 

„Sybil, gib mir nicht die Schuld. Es gibt viele Dinge, die du nicht weißt!“

 

 

 

„Warum sollte ich dir wohl die Schuld geben!“ Sie hebt das Gesicht.

 

 

 

„Du hast meine Schwester so gut behandelt! Ihretwegen erträgst du Einsamkeit, bis jetzt. Oh ja!“

 

 

 

Sie seufzt tief, ihre Augen sind voller Mitgefühl und Zärtlichkeit. „

 

 

 

Mir ist aufgefallen, dass in deiner Wohnung kein einziges Foto von ihr steht. Kannst du es nicht ertragen, sie anzusehen? Hast du Angst, dich an sie zu erinnern? Du - - - “

 

 

 

Sie sieht ihm mitleidig tief in die Augen.

 

 

 

„Du musst nicht so viel leiden. Du verstellst dich. Deine Gefühle für meine Schwester, mögen sie auch unermesslich tief sein, ja, wie tiefes Wasser,  aber auf die Dauer wird das Wasser immer flacher. Arthur!“

 

 

 

Leise ruft sie herzlich: „Du kannst dich nicht vor mir verstecken. Du hast meine Schwester geliebt, wie verrückt geliebt, wie wild. So sehr, dass es keinen Weg gibt sie  zu vergessen. Ja, sogar so sehr, dass du außerstande bist dein Glück zurück zu gewinnen! Sie wusste, dass sie ohne Reue sterben würde!“

 

 

 

„Sybil!“ schreit er, getroffen durch ihre Worte. Eine Hitzewelle schießt ihm in die Augen. Und, als flösse geschmolzenes kochendes Eisen über seine Brust, beginnt jede Zelle in seinem Körper zu schmerzen.

 

 

 

„Sybil“, flüsterte er. „Mach mich nicht zu gut. Schreib keinen Romananfang.“

 

 

 

Sie unterbricht ihn. “Amanda hat mir einige Hundert Briefe geschrieben, in denen sie von dir erzählt hat. Ich verstehe dich, genauso, wie ich mich verstehe. Arthur,  weißt du, was ich vermisse? Weißt du, warum ich nach Dali  fahre und den Fischern zusehe? Weißt du, warum ich ans Meer fahre und die Felsen zähle? Weil - - - - ich vor dir Angst habe!“

 

 

 

„Sybil!“ schreit er und sein Gesicht wird bleich.

 

 

 

Von dem Tag an, an dem ich zu dir in den Verlag gekommen bin, dich zu sehen, genau von dem Tag an habe ich Angst vor dir!“ Ihre Augenlider senken sich und ihr Gesicht wird vor Aufregung rot, ihre Stimme schnell und ängstlich und auch offenherzig. Hilflos, aufrecht und betrübt: „Ich kämpfe mit mir, ich bin voller Berge und Täler, ich laufe in der Wildnis, weil ich große, große Angst habe, dich zu sehen! Arthur, ich bin kein ängstlicher Mensch, ich sollte den Mut haben, mich der Wahrheit zu stellen. Ich habe diese Fische heute im Netz kämpfen sehen - - -“

 

Sie hebt den Blick,  entschlossen, hilflos, unglücklich sieht sie ihn an.

 

 

 

„Ich glaube, ich bin auch einer von diesen Fischen, da ist ein weiter Ozean, in dem ich schwimmen kann, aber trotzdem wähle ich immer wieder das Netz!“

 

 

 

Sie öffnet die Arme: „Hier bin ich, im Netz! Ich ergebe mich!“

 

 

 

Schnell umarmt er sie, er drückt ihren Kopf fest auf seine Schulter, seine Lippen sind gegen ihr Ohr gepresst, aufgeregt schreit er:

 

 

 

„Ich bin kein Netz, Sybil! Ich bin höchstens eine Bucht, die für dich zum Schwimmen da ist!“

 

 

 

„Nein, du bist ein Netz“, sagt sie eigensinnig. „Weil du mich überhaupt nicht liebst! Wen du liebst, das ist meine Schwester. Du wartest darauf, dass sie wieder aufersteht. Ich bin die wieder auferstandene Amanda, ich bin nicht Sybil! Ich bin ein Ersatz!  Weißt du, dass dieses Gefühl auf Sand aufgebaut ist? Weißt du, dass das für mich ein Netz ist?“

 

 

 

„Oh, Sybil, es ist unfair, das zu sagen, wenn ich gesagt habe, dass ich darauf warte, dass Amanda wieder aufersteht, habe ich auf keinen Fall das gemeint - - - “

 

 

 

„Hahaha! Sag das nicht!“ Sie presst ihre Finger auf seine Lippen, in ihren Augen ist eine Flamme voller Glanz, ihr Gesicht strahlt vor Brillanz in einer Art atemberaubender Schönheit und Edelmut.

 

 

 

„Es ist schwer für dich rundheraus zu erklären, warum du es besser findest, weniger zu sagen, Arthur. Mach dir keine Sorgen, ich werde nicht auf meine verstorbene große Schwester eifersüchtig sein. Wenn es ein Netz gibt, bin ich freiwillig hineingegangen.“

 

 

 

Sie schließt die Augen, die Wimpern flattern, auch ihre Lippen zittern.

 

 

 

“Küss mich!“ flüstert sie ihren offenen, warmen Befehl.

 

 

 

Er kann sich keine Gedanken mehr um andere machen, beugt seinen Kopf. Sofort nimmt er fest, tief und begeistert ihre Lippen und das scheint lauter Begeisterung in sein Leben zu bringen. Alles wird hier abgeladen, in diesem Kuss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 5. Episode

 

 

 

 

 

Der Friedhof im Vorort von Taipeh liegt ruhig im Tal.

 

 

 

Das Wetter ist immer noch kalt. Dicke schwere Wolken stapeln sich am Himmel. Nieselregen so fein wie Staub schwebt ganz weiß in der Luft. Der Wind bläst. Dieser feine Regennebel verschwindet plötzlich und ist mit einem Male wieder da. Die Zweige am Weg sind von Nebel und Regen nass. Dieser Nieselregen kann nicht einmal zu Tropfen kondensieren, er kann nur die Zweige nass werden lassen. Zwischen den gegenüber liegenden Blättern und den darüber liegenden Blättern, zwischen Berg und Berg, zwischen Fels und Fels, verbinden sich Regen und Nebel zwischen den Felsen wie ein großes graues Netz.

 

 

 

Langsam und einsam geht Sybil hinein. Sie trägt wieder ihren schwarzen Umhang. Sie ist ganz in schwarz gekleidet. Um ihre Haare hat sie einen langen schwarzen Seidenschal geschlungen. Ohne Regenkleidung und auch ohne Regenschirm tritt sie langsam auf die abgefallenen Blätter, die auf dem Weg aufgehäuft sind. Diese abgefallenen Blätter sind dick und weich und von Regenwasser nass und machen bei jedem Schritt ein raschelndes Geräusch.

 

 

 

Sie überquert den vertrauten Weg, geht geradeswegs in die Berge und kommt zu dem Friedhof in diesem Gebirgstal. Auf dem Friedhof ist jeder Grabstein vom Regen nass. Ringsherum ist es ruhig, nicht das geringste Geräusch. Dies ist nicht die Jahreszeit für das Fegen von Gräbern.

 

Nach dem Tod werden Menschen leicht vergessen. Hier gibt es kein Auto, keine menschliche Stimme, keinen Schein einer Kerze. Hier ist nur die Stille und Einsamkeit des Todes.

 

 

 

Sie geht zu einem halbkreisförmigen Grab. Auf dem Grabstein ist kein Foto. Keine Lobrede, keine Beschreibung ihrer Tätigkeiten, nur einfach geschrieben:

 

 

 

“Grab von Fräulein Amanda Ming, geboren im 38. Jahr der Chinesischen Republik, gestorben 1983 im Alter von 25 Jahren“

 

Im Alter von fünfundzwanzig Jahren! Fünfundzwanzig Jahren! So jung! Genau das Alter, in dem Frühlingsblumen in voller Blüte stehen. Wie konnte sie da sterben? Wie konnte sie so früh, so leise nicht mehr sein? Sie seufzt leise. Sie öffnet ihren Umhang. Sie hält einen Strauß   kostbarer Veilchen im Arm. Sie beugt sich vor, holt die Überreste aus einem Glasfläschchen vor dem Grab und legt sie zur Seite und stellt die Veilchen hinein. Plötzlich starrt sie eine Sekunde auf den herausgenommenen Ast. Sie erinnert sich, das letzte Mal hat sie ein paar Vergissmeinnicht mitgebracht, aber jetzt ist dieser Haufen Stoppeln verwelkter Löwenzahn.

 

 

 

Löwenzahn? Wie kann da Löwenzahn sein? Sie hebt die Überreste vom Boden auf und untersucht sie schweigend. Es ist keine Visitenkarte zwischen den Zweigen, kein Gebet, nur ein Sträußchen Löwenzahn! Die Blütenblätter mit dieser himmlischen Farbe sind nicht vollständig verwelkt. Im Herzen der Blüten sind Regentropfen. Es sieht aus, als seien diese Blumen vor noch nicht langer Zeit gebracht worden, von wem? Wer kümmert sich außer ihr noch um dieses vorzeitig beendete Leben?

 

 

 

„Fräulein Ming, Sie sind wieder da!“  Eine Stimme lässt sie aufschrecken. Sie hebt den Kopf und sieht den alten Friedhofsbewacher, der wacklig zurückkommt, humpelnd holpernd kommt er auf sie zu. Sein Gesicht ist voller Falten und einem Lächeln der Gastfreundschaft.

 

In solchem kalten Regen und Nebel begleitet von zahllosen kalten Grabstein-Geistern lebt er sein Leben. Er sollte sich wohl freuen ein oder zwei lebende Grabbesucher zu sehen!

 

 

 

„Onkel Tschau, guten Tag!“  grüßt sie ihn freundlich. Aus ihrer Tasche holt sie zweihundert Yuan und steckt sie in die Baumwolltasche des alten Mannes.

 

 

 

„Sind die Rheumaschmerzen etwas besser geworden? Waren Sie beim Arzt?“

 

 

 

„Dank Ihnen, Fräulein Ming, viel besser!“ Er verbeugt sich und dankt ihr hastig. Während sie die violette Flasche hochhält, um sie mit Wasser zu füllen,  wartet sie und stellt sie ab. Lächelnd sagt er: „Ich habe immer Ihre Anweisungen befolgt und immer schön sauber gefegt!“

 

 

 

„Danke, Onkel Tschau.“ Sie sieht in der Hand den Löwenzahn und denkt nach.

 

 

 

„Vor einigen Tagen ist ein Herr vorbei gekommen, stimmt’s?“ fragt sie.

 

 

 

„Ja“, antwortet Onkel Tschau warmherzig. „Er brachte Blumen, stand eine Weile  davor er wieder ging. An dem Tag hat es auch geregnet, seine Haare waren ganz nass.“

 

 

 

„Wie sieht er aus?“

 

 

 

„Wie er aussieht?“ Onkel Tschau ist bestürzt, kratzt sich am Kopf. Er bemüht sich seine Erinnerung zu finden. „Ich erinnere mich nur, dass er sehr groß war und nicht alt.“

 

 

 

„Ist er vorher schon einmal da gewesen? Bevor ich gekommen bin?“

 

 

 

„Ja, er ist schon vorher gekommen. Jedes Mal bleibt er eine Weile stehen und geht dann. Er bringt immer Löwenzahn. Er ist bestimmt arm - - - .“

 

 

 

„Warum?“

 

 

 

„Löwenzahn sind doch sehr billige Blumen! Sie können sie am Straßenrand pflücken! Sie wachsen am Fuße des Berges in großer Zahl. Kann sein, dass er sie am Fuße des Berges gepflückt hat!“

 

 

 

Sie schweigt. Schweigend und nachdenklich steht sie da. Regentropfen fallen auf ihren Seidenschal. Der Seidenschal ist bereits durchgeweicht. Nach ziemlich langer Zeit hebt sie den Kopf. Plötzlich merkt sie, dass Onkel Tschau immer noch neben ihr steht. Sie hebt die  Hand und winkt: „Geh du jetzt nach Hause und bleib nicht im Regen und in der Kälte. Ich bleibe noch ein bisschen und dann gehe ich auch.“

 

 

 

„Gut, Fräulein“, sagt Onkel Tschau gehorsam. Der kalte Wind ist ihm offensichtlich zu viel geworden. Er dreht sich um, wieder wackelig, holpernd geht er zu seiner Holzhütte zurück, um Schutz zu finden vor Regen und Wind.  Sybil sieht seinen Rücken. Sie denkt konfus, dieser einsame alte Mann wird eines Tages einer von den Menschen in diesen Gräbern sein, wer wird ihn dann besuchen? Wer wird sich dazu aufopfern? So, daran denkt sie, alle Menschenleben sind gleich. Es muss den Tod geben. Vom ersten Tag der Geburt an ist der Mensch dazu bestimmt dem Tod ins Auge zu sehen und dann, wer kümmert sich dann um ihn? Müde sieht sie auf die Grabsteine, hört das Geräusch des Windes, sieht die riesigen Regenwolken am Himmel und, sie kann nicht anders und muss an diesen Satz aus  der „Roten Kammer“ denken:

 

 

 

„Seidenweidenbaum aus Fangfei,

 

unabhängig von Tao Piao und Li Fei,

 

wird Lin Li nächstes Jahr wieder veröffentlichen?

 

Wer weiß, wer im nächsten Jahr in meinem Boudoir weilt? ....

 

Lasst uns zurückdenken,

 

wie die Frühlingsblumen allmählich fielen,

 

als Hong Yan an Altersschwäche starb.

 

Sobald der Frühling vorbei ist,

 

verwelken die Blumen und

 

die Menschen sterben.“

 

 

 

(Persönliche Bemerkung dazu: Der “Traum der roten Kammer“ ist ein chinesischer Klassiker. --- Mehr habe ich nicht aus den chinesischen Zeichen herauszuholen geschafft. Das nächste Zitat ist noch verzweifelter übersetzt. Aber ich habe es versucht und man bekommt vielleicht den Hauch eines Eindrucks.)

 

 

 

Sie denkt eine Weile darüber nach und kann nicht anders, als von Gefühlen überschwemmt zu werden. Ein Bad aus kaltem Regen. Sie weiß nicht, wo sie ist. Es dauert lange, bis sie sich erholt hat. Sie schaut runter und befindet sich unwissentlich bei den restlichen Blütenblättern des Löwenzahnbundes, abgerissen und auf dem Boden verstreut. Auf dem Grabstein, auf den Stufen, auf dem Geländer - - - alles ist voller gelber Blütenblätter. Und wieder muss sie an einen Satz aus der „roten Kammer“ denken:

 

 

 

Wo sind Xiang Qiu, Ruo Jin 

 

ernten sie verfallene Knochen?

 

Einen Becher für reines Land

 

um den Wind zu bedecken?

 

Saubere Qualität, kommt und geht.

 

Lehre, keine Verschmutzung,

 

die im Graben versinkt.

 

 

 

Sie fühlt einen Schmerz in ihrem Herzen, ein unaussprechliches Elend überfällt sie. Sie kann nicht anders, als mit beiden Händen den Stein vor dem Grab zu pressen, sie schließt die Augen. Stimmlos flüstert sie leise:

 

 

 

„Amanda, Amanda, bitte hilf mir!“

 

 

 

Öffne deine Augen! Aber das Grab ist ohne Worte, das Denkmal ist sprachlos.

 

 

 

Um sie herum ist es immer noch so ruhig, so leise. Wind und Regen sind immer noch trostlos. Sie seufzt. Die Veilchen hat sie zur Seite gelegt. Wer bringt den Löwenzahn? Wer besucht Amanda? Außer ihr, wer noch? Aber, warum sollte sie allein kommen? Wenn er auch kommen will, könnte er mit ihr zusammen kommen! Also, wagt er es nicht, sie zu treffen? Warum? Fühlt er sich schuldig? Ist es ihm peinlich? Fürchtet er, mit ihr zusammen Amandas Geist zu treffen? Amanda, Amanda, du bist tot, aber hast eine Seele. Du solltest dich deiner verlorenen kleinen Schwester zeigen! Auf dem Friedhof gibt es Wind und Regen, aber keine Antwort. Sie seufzt wieder, dann dreht sie sich um und verschwindet langsam im Nebel.

 

 

 

Eine Stunde später sitzt sie in einem Café und schluckt konzentriert den sehr heißen Kaffee. Sie lehnt sich zurück in ein Sofa mit hohem Rückenteil. Nachdenklich schaut sie in eine kleine Blumenvase auf dem Tisch. In der Vase stehen Zweige mit Rosenknospen. Sie starrt auf die Rosen und sieht auf ihre Armbanduhr. Sie erwartet ungeduldig jemanden. Einsam und nachdenklich sieht sie aus. Nach einer langen Zeit kommt hastig eine junge Frau herein, sieht sich um, dann geht direkt zu ihr hinüber. Sie hebt den Kopf und sagt freundlich.

 

 

 

„Entschuldige, Schwester Ya Ping. Ich habe dich wiedergefunden. Setz dich doch. Möchtest du einen kleinen Imbiss?“

 

 

 

„Auf keinen Fall!“ Die junge Frau setzt sich, zieht ihren Mantel aus. Darunter trägt sie  eine rote Strumpfhose und einen schwarzen Rock. Sie ist rundlich und großzügig.

 

 

 

„Ich bin auf Diät, führe mich nicht in Versuchung. Ich möchte nur eine Tasse schwarzen Kaffee. Weißt du, wie alle in meinem Alter, fürchte ich nichts mehr als dick zu sein.“

 

 

 

„Du und meine Schwester, wart ihr gleichaltrig?“ fragt sie und seufzt. „Wenn meine Schwester noch lebte, würde sie auch fürchten dick zu werden?“

 

 

 

Ya Ping sieht sie an, rührt mit dem kleinen Löffel den Kaffee um und sagt warmherzig:

 

„Sybil, bist du noch nicht frei vom Schatten ihres Todes? Was vergangen ist, ist vergangen. Sei nicht mehr traurig! OK? Ich weiß, dass ihr Schwestern sehr unterschiedlich wart und so früh schon euren Vater verloren habt. Eure Mutter hat wieder geheiratet. Ihr wart euch näher als es Schwestern normalerweise sind. Aber, wenn Menschen gestorben sind, dann sind sie gestorben. Wer lebt muss gut leben. Sybil,  sag, was ist es, dass du mich fragen möchtest? Ich kann nicht lange bleiben. Mein Mann kommt bald von der Arbeit. Auf meine beiden Kinder passt das Hausmädchen auf. ....“

 

 

 

 

 

„Ich will dich nicht lange aufhalten, Ya Ping“, sagt Sybil schnell. „Ich möchte dich nur eine Sache fragen!“

 

 

 

„Was ich sagen möchte ist dies, ich habe dir schon alles gesagt, Sybil.“  

 

 

 

Ya Ping trinkt einen Schluck Kaffee und sagt mit einem leichten Stirnrunzeln:

 

„Nach dem Ende des Studiums hatten wir Klassenkameraden mit Amanda nicht viel Kontakt. Alle waren da damit beschäftigt ins Ausland zu gehen. Es gab wenig Kontakt zwischen den Klassenkameraden. Außerdem begann sie in ihrem letzten Jahr Sport zu studieren.“

 

 

 

„Was?“ Sybil ist plötzlich überrascht. „Sie hat mit dem Studium aufgehört im letzten Jahr? Sie hat keinen Abschluss gemacht?“

 

 

 

„Habe ich dir das nicht schon gesagt?“ sagt Ya Ping überrascht. “Ich erinnere mich, dass ich dir das gesagt habe.

 

 

 

„Nein, das hast du nicht gesagt.“ Sie schaut auf die Rose in der Flasche. „Warum hat sie abgebrochen?“

 

 

 

„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.“ Ya Ping legt die Wange in die Hand. Sie ist ein wenig beunruhigt.

 

 

 

„Sybil, man kann einfach so sterben. Der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht. Du warst in England und während du mir Briefe geschrieben hast, musste ich so tun, als ob nichts wäre.“

 

 

 

„Ich bin dir nicht egal, größere Schwester“, sagt Sybil mit mitfühlender Stimme. „Du warst Amandas beste Freundin, von klein an habe ich dich größere Schwester genannt. Ich kann dir nicht egal sein.“

 

 

 

„Kleiner Teufel!“ sagt Ya Ping in vorwurfsvollen Ton lachend.

 

 

 

„Ich kann dir nicht helfen. Als deine Schwester und ich uns so gut verstanden haben, hattest du noch nicht das Land verlassen. Und gleich als du weg warst, hat sich deine große Schwester verändert.“

 

 

 

„Wie, verändert?

 

 

 

„Sie wurde gleichgültig, sie entfremdete sich von den Klassenkameraden. Sybil, ich habe es  schon einmal gesagt und du solltest alles über sie wissen. Du musst ja nur ihren Freund fragen! Sie liebte diesen großen T, großgeschrieben, sie glaubte an die große wahre Liebe, Verrückt! Den ganzen Tag wollte sie nur mit ihm zusammen sein. Von den Kommilitonen hat sie sich weit entfernt. Damals hat Zhao MuYuan sie zu Tode verfolgt....“

 

 

 

„ Zhao Muyuan?“  murmelt sie.

 

 

 

„Der große Typ in der Sportabteilung, Amanda gab ihm einen Spitznamen. King Kong  hat sie ihn genannt. Er ist jetzt verheiratet. Vor nicht langer Zeit habe ich ihn getroffen. Und rate mal, seine Frau ist dünn und klein. Nur um ihn besser aussehen zu lassen.“

 

 

 

„Zhao Muyuan ........“ Sybil beißt sich auf die Lippen. „Wo wohnt er? Hast du seine Adresse?“

 

 

 

„Sybil!“ ruft Ya Ping. „Du kannst das jetzt nicht jedem aus unserer Klasse erzählen! Zhao Muyuan ist jetzt verheiratet, die Leute sind glücklich! Es kann doch nicht sein, dass du willst, dass seine Ehefrau erfährt, dass ihr Mann vor ihr wegen einer anderen Frau mal durchgedreht ist? Sybil, du  willst doch nicht Feuer legen, ok? Jetzt machen wir mal Nägel mit Köpfen: zwischen Zhao Muyuan und  dem Tod deiner Schwester gibt es keine Verbindung!“

 

 

 

„Ok“, sagt Sybil geduldig. „Rede ruhig weiter!“

 

 

 

„Was soll ich noch sagen?“ fragt Ya Ping überrascht und sieht auf ihre Armbanduhr. „Ich muss jetzt gehen. Ich muss für meinen Mann noch Abendbrot zubereiten. Eine verheiratete Frau hat wenig freie Zeit!“

 

 

 

„Größere Schwester“, sagt Sybil weich, zaghaft, ihre Stirn voller Sorgen, ihre Stimme voller Schmerz und Trauer. „Du läufst vor mir weg! Du willst mir etwas verbergen! Du bist nicht mehr die frühere warmherzige größere Schwester.“

 

 

 

Die Traurigkeit und der Schmerz in ihrem Ton treffen Ya Ping. Sie starrt Sybil an, milde geworden durch deren Sorge und Klagen, die ihre mütterliche Zärtlichkeit und Begeisterung hervorrufen, kann sie nicht anders und erklärt:

 

 

 

 

 

„Sybil,  Sag das nicht! Sieh mal. Du hast mich angerufen und ich bin gleich gekommen. Ich war früher deine größere Schwester. Mit Amanda zusammen war ich deine große Schwester, die mit dir Bootsfahrten gemacht hat und Schwimmen gegangen ist! Also gut, Sybil, du sagst du möchtest eine Sache fragen, was ist das denn?“

 

 

 

„ Erinnerst du dich, dass Amanda die Angewohnheit hatte ein Tagebuch zu führen?“

 

 

 

„Ja.“

 

 

 

„Wo sind die Tagebücher nach ihrem Tod hingekommen?“

 

 

 

Ya Ping denkt nach. „Ich weiß es nicht.“ Sie überlegt weiter. „Vielleicht sind sie bei ihrem Freund. Nach ihrem Tod hat diese Person alle ihre Sachen weggeholt.“

 

 

 

Sybil nickt. Unbewusst zieht sie mit beiden Händen an den Blättern der Rose in der Flasche.

 

 

 

„Ich muss wirklich gehen“, Ya Ping springt auf und sieht Sybil an. „Gehst du nicht?“

 

 

 

„Ich bleibe noch ein bisschen sitzen.“ Sagt Sybil mit einem traurigen kleinen Lächeln. “Danke, dass du gekommen bist, größere Schwester.“

 

 

 

Ya Ping streckt ihre Hand aus und drückt ihre Schulter. Sie blickt sie aufrichtig an, dann beugt sie sich vor. Freundlich und ermunternd sagt sie: „Hör auf meinen Rat, ok?“

 

 

 

„Der ist?“

 

 

 

„Gehe wegen Amanda der Sache  nicht auf den Grund, Sybil. Sie ist auf jeden Fall tot. Du suchst den Grund ihres Selbstmordes. Sie kann nicht wieder auferstehen. Lass sie gehen! Sybil, deine Schwester hat während ihres Lebens dich am meisten geliebt. Wenn sie wüsste, dass du so verzweifelt um sie bist, sie käme aus der Quelle herunter, weil du ihr Leid tust. Ist es nicht so?“

 

 

 

Sie schweigt, Ihr Blick ist fest auf die Rosenblätter in ihrer Hand geheftet. Eine Rose hat sie inzwischen schon völlig in ihre Einzelteile zerlegt. Vorsichtig reißt sie die Blütenblätter Blatt für Blatt ab, zerpflückt sie dann in kleine Stücke und schließlich liegt vor ihr ein kleiner Haufen verfallener Blumenhäuser. Danach, beginnt sie weitere Blätter in ihre Einzelteile zu zerlegen. Ya Ping beobachtet sie und seufzt. Dann flüstert sie:

 

„Wenn sie damals mit euch nach England gegangen,  wäre so etwas nicht passiert. Alles ist Schicksal und dein Schicksal akzeptierst du!“

 

 

 

Sie beißt  die Zähne zusammen.

 

 

 

„Jeder Unfall kann Schicksal sein“, sagt sie durch die Zähne: „Selbstmord ist nicht Schicksal! Wenn eine Person ihr Leben aufgeben will, ist sie bereits am Boden zerstört. “

 

 

 

Sie zerpflückt die Blume weiter. „ Komisch, das Gesetz verurteilt nie einen Menschen wegen seines bösen Herzens! Wenn es einen Autounfall gibt, entgeht der Fahrer nicht der Anklage des Totschlags! Und was ist mit der Empathie? Es hat nie ein Verbrechen im Gesetz gegeben das als Verbrechen der Empathie bezeichnet wird!“

 

 

 

Ya Ping tätschelt ihre Schulter. „Denk nicht zu viel nach, Sybil. Das Gesetz verurteilt nur menschliches Verhalten, nicht menschliche Gefühle.“

 

 

 

Sie starrt auf die zerrupften Blütenblätter in ihrer Hand und bleibt still. Ya Ping sieht sie an. Schließlich sagt sie: „Ich gehe!“ Sie sieht zu wie Ya Ping geht. Dann sitzt sie da, eine ganze Weile, bis sie sich bewegt. Im Café ist das Licht schon gedimmt. Der Kronleuchter an der Decke ist seit irgendwann an. Sie sitzt weiter da, bewegungslos und ohne etwas zu sagen. Es dauert eine ganze Weile, bis sie langsam aufsteht. Sie geht zum öffentlichen Telefon und wählt eine Nummer.

 

 

 

„Arthur? Hier ist Sybil“, sagt sie.

 

 

 

„Sybil!“ der Klang von Arthurs warmer Stimme ist sofort ängstlich. „Wo bist du? Warum gehst du immer verloren? Ich habe den ganzen Tag nach dir angerufen, dich gesucht.“

 

 

 

„Ich bin in einem Café, es heißt “Herz Poesie“. Kennst du es?“

 

 

 

„Nie gehört. Welche Straße?“

 

 

 

„Shilin.“

 

 

 

„Shilin! Was willst du denn in der Shilin?“

 

 

 

„Ich bin hier und warte auf dich,“ sie schaut auf die Uhr: „ ich gebe dir 30 Minuten, mehr nicht!“

 

 

 

„Hallo, Hallo...“

 

 

 

Sie legt das Telefon auf, geht zurück zu ihrem Platz und bestellt noch einen Kaffee, steckt sich eine Zigarette an. Sehr langsam zieht sie an der Zigarette, langsam entstehen Wolken und Rauch. Sie hebt den Blick, verfolgt Rauch und Wolken und tut noch einen Zug und stößt einen Rauchring aus. Dann sieht sie auf dem Tisch die Blütenblätter und spielt mit den Fingern mit ihnen. Sie fügt die gebrochenen Rosenblätter zu einem Herzen und formt dann mit einem Streichholz  ein Kreuz auf die Herzform und legt ein zweites Kreuz... und löscht den Rauch. Da ist ein Schatten vor ihr, sie hört diesen Mann, sein schweres Atmen. Sie hat die ganze Herzform völlig durcheinander gebracht. Sie hebt den Kopf, berührt Arthurs  strahlende Augen, keuchend setzt er sich ihr gegenüber.

 

 

 

„Hast du den 007 Film gesehen?“ fragt er.

 

 

 

„Wie?“ Sie ist verwirrt.

 

 

 

„In diesem Film gibt es eine Art elektronischer Tracker, ich weiß auch nicht, wo man den kaufen kann.“

 

 

 

„Warum?“

 

 

 

„Du musst einen an dir haben und egal wohin du gehst, weiß ich es gleich. Du bist wie ein fliegender Vogel, ich kann nie vorhersagen, wohin du jeden Tag gehst.

 

 

 

Sie lacht und steht auf. „Wir gehen raus und laufen ein ein wenig, ich sitze hier nämlich schon ganz lange.“

 

 

 

Er sieht den Kaffeebecher, aus dem Ya Ping getrunken hat.

 

 

 

„Du bist nicht allein?“ sagt er.

 

 

 

„Also.“ Sie schnaubt und zieht die Augenbrauen hoch. „Mein Freund und ich unterhalten uns hier. Halb geredet, er ist weg, allein ist mir so langweilig. Darum musste ich dich anrufen, um die Lücke auszufüllen.“

 

 

 

Sie fixiert ihn, da ist ein komplizierter Blick in seinen Augen, um seine Mundwinkel spielt ein schwaches Lächeln. „Zufrieden?“

 

 

 

Er seufzt und steht auf. „Ich kann nur dich sehen, da bleibt nichts zu wünschen übrig.“

 

 

 

Sie blinzelt ihn an. „Du bist ein großartiger Redner! Wie Amanda sagte, du bist klug, tüchtig,  humorvoll, kannst reden! Diese Art von Männern ist die Nemesis, die griechische Rachegöttin, von Frauen!“

 

 

 

„Was?“ er sieht sie und sie verlassen das Café. „Ich allerdings glaube, du bist die Nesmesis von Männern!“

 

 

 

„Wie sieht man das?“

 

 

 

„Du bist ein Fisch.“ Er seufzt schwach.

 

 

 

„Was?“

 

 

 

„Erinnerst du dich an die Fische, die du studiert hast? Sie haben eine höchst wunderbare Biologie.  Sie haben hunderttausend Fischschuppen. Jede Fischschuppe sieht aus wie ein Edelstein. Wenn sie die Sonne reflektieren, haben sie fünf Gesichter. Sie haben alle Arten von Formen. Im Wasser schwimmen sie und sie sind fantastische Tänzer. Und sie sind glatt und zart, man kann sie nicht greifen, man kann sie nicht fangen, sie schwimmen dann in alle Richtungen, ins Meer und in die Flüsse, in Felshöhlen. Du weißt nie, wohin sie gehen.“

 

 

 

Sie schlägt die Wimpern hoch, die pechschwarzen Augen scheinen mit Nebel bedeckt. Das schwache Licht der Straßenlaterne färbt ihr Gesicht sanft, ein Tropfen Regen schimmert auf ihrer Nasenspitze. Sie streckt die Hand aus und nimmt seine Hand. Ihre Hand ist weich und sanft.

 

 

 

„Halt mich fest“, sagt sie leise. Ihre Stimme ist weich wie im Traum. „Ich will nicht zum Meer fliehen. Ich will das schon lange nicht mehr.“

 

 

 

Sie halten vor seinem Wagen an. Sie zögert ein bisschen.

 

 

 

„Lassen uns etwas laufen, ja?“ Sie hält seinen Arm fest. „Wenn du auch Bock auf einen Spaziergang im Regen hast.“

 

 

 

„Mit dir zusammen habe ich auf jeden Fall Bock.“

 

 

 

„Und als du mit Amanda zusammen warst?“

 

 

 

Sein Arm wird plötzlich hart. „Sybil“, sagt er in leichtem Ton: „Kann ich eine Bedingung stellen . . . dich bitten, dass du von jetzt an ....“

 

 

 

„Nicht mehr Amanda erwähnst?“ beendet sie schnell seinen Satz.

 

 

 

Sie beobachtet ihn. Es ist  Schmerz in seinen Augen, Geduld, ein qualvoller Blick. Seine beiden buschigen Augenbrauen sind eng zusammengezogen, die Muskeln seiner Lippen sind angespannt, er beißt die Zähne zusammen. Nach einer ganzen Weile entspannen sich die Gesichtsmuskeln und er seufzt.

 

 

 

„Nein, du kannst sie erwähnen. Es ist unfair, dich zu bitten, sie nicht zu erwähnen. Sie war schließlich deine Schwester. Sonst kann ich dich nicht kennenlernen.“

 

 

 

Ihr Herz wird eine Kugel, Wut brennt plötzlich in ihrer Brust und diese Flamme breitet sich schnell aus und brennt in jeder Zelle, jeder Faser von ihr.

 

 

 

„Ich würde es vorziehen, wenn du mein Schwager wärst. Ich will nicht, dass meine Schwester nur eine Vermittlerin zwischen uns ist!!“ Sagt sie laut.  Plötzlich schießen zwei Tränen in ihre Augenhöhlen.

 

 

 

„Wolltest du, dass meine Schwester stirbt? Damit wir uns kennenlernen? Du ...“ ihre Stimme ist nicht stabil, nicht wütend.

 

 

 

„So grausam! So rücksichtslos! Wirklich undankbar!“ Ihre Serie von tränenreichen Verwünschungen. Sie dreht sich um und eilt auf Shuangxi zu.

 

 

 

Er erstarrt zwei Sekunden lang. „Sybil!“ ruft er und versucht sie einzuholen. Sie vergräbt ihren Kopf und rennt schnell, der Wind bläst ihren Umhang auf, der Knoten oben auf ihrem Kopf löst sich auf. Der Wind kommt von der Seite und der Nieselregen bleibt an ihrem Rock hängen. Sie rennt in Richtung des kleinen Weges, der zum Museum der Verbotenen Stadt führt.

 

 

 

Er holt sie ein. „Sybil!“ Er greift ihren Arm, genervt, heiser schreit er: „Was willst du, dass ich tun soll? Loyal zu deiner Schwester sein und aufhören dich zu lieben?  Dich weiter lieben   und nicht deiner Schwester treu sein?“

 

 

 

Sie stoppt und sieht ihn an. Sie halten unter der Veranda des Palastmuseums an. Die riesige Säule wirft einen Schatten auf den Boden. Das Licht verschmiert ihr Gesicht. Das Gesicht ist blass wie Papier und ihre Augen schwarz wie die Nacht. Eine Art von Angst, ihr verwirrtes Gesicht, der verwirrte Ausdruck um ihre Mundwinkel. Sie öffnet den Mund und möchte etwas sagen, aber kein Laut kommt heraus. Nach langer Zeit erst flüstert sie nur:

 

„Ich habe dir doch erzählt, dass ich Angst vor dir habe, Arthur. Ich habe entdeckt, dass ich wirklich Angst vor dir habe. Du...Du warum meide ich dich?“

 

 

 

„Mich wirklich fürchten?“ Er starrt sie verwirrt an. „Sybil, was meinst du damit? Ich liebe dich. Ich werde dir doch nicht weh’ tun!“

 

 

 

Sie wirft sich vor Angst in seine Arme und vergräbt ihren Kopf darin. „Ich bin eine Gans auf der Spitze eines Waldes.“ Sie zittert und sagt leise: „Ich bin kein farbiger Fisch. Ich bin eine einsame wandernde Gans.“

 

 

 

„Fürchte dich nicht, Sybil.“ Sagt er mit leiser Stimme. „Du bist müde. Die vergangenen Jahre hattest du keine Familie, keine Verwandten. Du bist müde.“ Er streicht ihr über den Rücken. Dieser schmale, schmale Rücken ist zum Erbarmen.

 

 

 

„Du solltest nicht fliegen, du musst dich ausruhen, du brauchst ein Nest.“

 

 

 

„Eine wandernde einsame Gans hat kein Nest“, sagt sie leise und schiebt ihn vorsichtig weg. Sie senkt den Kopf und geht auf den Schatten der Säule zu.

 

 

 

„Die Wildgans im Wald. Die kleinen Äste werden vom Wind bewegt ...“ Sie murmelt: „Wohin fliegt die Wildgans?  Über Tausende von Bergen und Flüssen!“

 

 

 

Er geht zu ihr. Nimmt ihre Hände in seine Hände. Ihre Hand ist so klein und schmal. Sie schaut ihn verwirrt an.“ Die wandernden Gänse fliegen zurück in ihre Heimatstadt. Ohne Schaden zu nehmen, kannst du nicht ankommen.“

 

                                                                                                     

 

Er sieht sie fest an und hält sie ruhig, voller unwiderstehlicher Kraft: „Kämpfe nicht mit dir, Sybil! Ich glaube, du widersetzt dich meiner Liebe zu dir, warum?“ Er zieht sie näher an sich: „Ich kann dir Sicherheit und Glück geben! Erlaube mir, dich zu lieben! Erlaube mir, dich zu beschützen.“

 

 

 

Ihre Augen leuchten auf, sie beißt mit den Zähnen auf die Lippen. An ihren langen Wimpern hängt ein Regentropfen. Er zieht sie in seine Arme. Er küsst zärtlich den Regentropfen, er verweilt eine Weile an diesen Wimpern, gleitet über ihre Augen und landet dann auf ihrem Mund.

 

 

 

 

 

 

 

6. Episode

 

 

 

 

 

An einem blassen Märztag, Gesang schwingt in der Sonne.

 

 

 

„An einem blassen Märztag,  der Rhododendron blüht am Hang, auch am Bach blühen die Rhododendren so schön ...“

 

 

 

Robert Wang liegt im Gras und blickt zum  blauen Himmel hoch. Ein kleiner Vogel singt wie eine silberne Glocke. Er legt einen Stapel Bücher unter den Kopf und schaut sich die Strömung der weißen Wolken und das Schwanken der Zweige an. Ja, ein blasser Märztag! Ein sonniger Märztag! Ein schöner Märztag! Ein charmanter Märztag! Ein Märztag der Jugend! Ein zur Freude gehörender Märztag! Ein Märztag nur für Robert! 

 

 

 

Neben ihm rauscht ein gurgelnder Bach, das schnelle Wasser springt über einen Felsen und produziert einen sehr rhythmischen Klang. Er dreht leicht den Kopf, die Augen sind nach oben gerichtet mit Blick auf Flora, die eifrig am Fischen ist. Ihre Röhrenhosenbeine aufgerollt, steht sie barfuß auf einem großen Fels am Bach. Schief auf dem Kopf der Strohhut, unter der Krempe ihr kurzes unordentliches Haar. Unter ihren kurzen Haaren sind ihre  rosigen Wangen in ihrem immer fröhlichen Gesicht mit den immer strahlenden Augen zu sehen. Sie trägt ein rosafarben bedrucktes Hemd. Die Hemdknöpfe sind nicht richtig zugeknöpft und mit den Zipfeln des Hemdes hat sie einen Knoten um die Taille geschlungen, jedes Mal, wenn sie sich bückt, zuckt das Hemd mit den Schultern und es entblößt sich Haut auf ihrem Rücken. Ihre Haut ist weiß und fein. Robert muss sich zurückhalten, seine Hände und Füße nicht auf den nackten Teil ihrer Mondtaille zu legen. Bei zehn Malen wirft sie acht Mal den Angelhaken zwischen die Zweige. Immer wenn das passiert, ruft sie mit spitzer Stimme: „Hilfe“. Kleiner Schneeball bellt: „Wow, wow, wow!“ „Wow, wow. Wow!“ und das erderschütternd.

 

Robert denkt, sagt aber nicht, dass es in dem Fluss keine Fische gibt. Tatsächlich gibt es Fische, aber dieses süße Pärchen hat sie vertrieben.

 

 

 

Flora hat lange nicht mehr geschrien, offensichtlich übt sie sich in Geduld. Sie steht da auf dem Felsen, in der Hand hält sie eine Angelrute, summt ein Lied mit dem Mund, sie hat eine sehr entspannte Ausstrahlung. Kleiner Schneeball liegt ihr zu Füßen, mit gespitzten Ohren, mit senkrecht stehenden Haaren, in voll aufmerksamem Zustand. Robert schaut sich dieses Bild an „Frühlingsangeln am Bächlein“. Er ist voller Freude. Diese Freude breitet sich in alle Glieder aus, und weiter, bis in die Tiefen des Himmels.

 

 

 

Flora singt nur sporadisch, Robert hört aufmerksam. Da hört er, dass sie vor langer Zeit ihre Melodie und den Text geändert hat. Sie singt:

 

 

 

„Fisch, Fisch, hör’ auf mich, verpass nicht den fetten Köder.

 

  Fisch, Fisch, hör’ auf mich, beeil dich und entkomme nicht.

 

  Fisch, Fisch, hör’ auf mich, nimm den Köder nicht und ärgere mich.

 

  Fisch, Fisch, hör’ auf mich, meine Geduld geht zur Neige ...“

 

 

 

Robert versucht sein Lachen zurückzuhalten, je mehr sie singt, desto mehr muss er lachen. Sie singt eisern weiter, er kann einfach nicht anders und muss lachen. Plötzlich, vielleicht waren es ihre absurden Texte, die Gott bewogen haben, wird ihre Fischleine scharf nach unten gezogen, die Angelrute biegt sich ebenfalls nach unten und sie schreit wie am Spieß:

 

„Oh nein! Ein Fisch! Ein Fisch ist dran!“

 

 

 

Hastig zieht sie an der Stange, Robert springt hastig vom Boden auf. Er hat gerade die Leine außerhalb des Wassers gesehen und da ist ein Fisch am Haken, ein lebendiger Fisch! Der einen Fuß lange Fisch lebt und tritt.  Die Schuppen des Fisches leuchten in der Sonne. Robert kann seinen Augen nicht trauen und schreit nervös: „Flora, halt die Stange fest, lass ihn nicht entkommen!“

 

 

 

„Autsch! Schrecklich!“ Flora schreit völlig durcheinander: „Es ist ein Fisch! Wirklich, ein Fisch! Siehst du es? Mensch! Das gibt’s nicht! Der hat vielleicht eine Kraft! Autsch! Hilfe! Robert! Hilfe!“

 

 

 

Sie hält verzweifelt die Angel fest, der Fisch kämpft verzweifelt an der Angel. Die Angelrute ist in einen Bogen gespannt. Kleiner Schneeball ist jetzt so aufgeregt, er liegt auf dem Boden und kann nicht anders als aufspringen und schreit in einem fort: „Wa Wu, wang wang wang! Wa Wu, wang, wang wang!“

 

 

 

„Halt fest! Flora, halt fest!“ schreit Robert und rennt gleichzeitig zu ihr. Er springt auf einen Felsen und hilft Flora die Angel zu halten. Wer weiß schon, dass dieser Stein aus dem Wasser ragt, aber die tatsächliche Fläche klein ist und lauter Moos darauf ist, nicht rutschig genug, er springt drüber weg und mit der Kraft dieses Abstoßens, befördert er Flora direkt ins Wasser. Sie schreit laut: „Der Fisch bittet um Hilfe!“

 

 

 

Sie plumpsen einfach ins Wasser. Robert kann sich nicht mehr um die Angelrute kümmern. Er streckt die Hand aus und ergreift Floras Hand, um sie wieder an Land zu ziehen. Wer weiß schon, dass Flora Robert festhält, sie benutzt alle Kraft und sofort ist da ein Zucken und Robert schreit gleich „Autsch“ und taucht einfach im Wasser unter. Er steht aus dem Wasser auf. Zum Glück ist das Wasser nur knietief. Er schaut hinüber, Flora steht nass im Wasser, klatscht in die Hände und lacht. Er schreit wütend: „Ich bin so nett und rette dich und du ziehst mich ins Wasser!“

 

 

 

 „Selig sind die teilen, aber sie haben es schwer!“ Flora spricht es wie ein Lied: „Unter Wasser, ja, unter Wasser, da fallen und fallen sie!“

 

 

 

Robert starrt sie an, wütend und auch amüsiert. Er will gerade etwas sagen, als Flora plötzlich markerschütternd brüllt: „Schneeball! Kleiner Schneeball ertrinkt!“

 

 

 

Er sieht genauer hin, da sieht er gerade, wie Schneeball ins Wasser springt, er jagt der Angelrute nach, die im Wasser wegtreibt, wie einem fetten Kalb. Er paddelt geschickt im Wasser. Sieht das nach Ertrinken aus? Er lebt und genießt das Wasser wie ein schwimmender General. Robert ist durch Floras Schreien zu Tode erschreckt, von allen guten Geistern verlassen. Aber wenn Schneeball nun seinen Geist aufgegeben hat! Dann warte mal, wie total lebendig der aussieht. Das wäre doch wirklich gelacht. Er macht einen Schritt ins Wasser und geht in großen Schritten weiter und holt ihn aus dem Wasser. Er hält ihn in den Armen, diesen Kleinen Schneeball, der immer noch protestiert, dass die Angelrute spurlos weggeschwommen ist: „Wa Wu wang wang wang! Wa Wu wang wang wang!“

 

 

 

Sie gehen an Land. Jetzt zwei Personen und ein Hund. Alle durch und durch nass und sehr verlegen! Und wie verlegen! Kleiner Schneeball zittert am ganzen Körper und schüttelt Wassertropfen in alle Himmelsrichtungen und rennt in die Sonne um sich zu sonnen. Robert und Flora sehen sich an. Zwei Menschen sehen sich an. Sie sagt:

 

 

 

„Gut! Was machen wir jetzt?“

 

 

 

„Jedenfalls haben wir Jacken mitgebracht“, sagt er, „lass uns erst einmal die nassen Klamotten wechseln. Niemand sieht es hier!“

 

 

 

„Mir ist es egal, ob die Kleidung nass ist oder nicht!“ Sie zieht die Augenbrauen hoch, wütend.

 

„Ich habe dich gefragt, was wir jetzt machen?“

 

 

 

„Womit was machen?“ Er begreift es nicht.

 

 

 

„Mit meinem Fisch, Mensch!“  Sie stampft mit dem Fuß auf, die Augen weit aufgerissen.

 

„Das ist der einzige Fisch, den ich in meinem Leben gefangen habe. Du lässt ihn los. Das musst du bezahlen! Du bezahlst mir einen Fisch!“

 

 

 

Er kratzt sich mit beiden Händen am Kopf.

 

 

 

„Da ist nichts zu machen“, sagt er, „der Fisch ist lange davor abgehauen, wieso soll ich das bezahlen? Das war dein eigenes schlechtes Verhalten, du warst nicht in der Lage die Leine aufzuwickeln, du warst ja immer noch am Angeln!“

 

 

 

„Du beschuldigst mich?“ Sie stemmt beide Hände in die Hüften und fragt aggressiv: „Bezahlst du mich? Sag! Ich singe wieder ein Schlaflied, und ein Droh-Lied, und dann wieder ein gutes Lied, das ist nicht einfach, Bedrohung und Verlockung, bis der Fisch wieder an der Angel hängt. Du, Du tust so als hättest du mir geholfen und lässt den Fisch einfach wegschwimmen und sagst nichts. Dann hast du mich noch ins Wasser geschubst und ich wäre fast ertrunken ...“

 

 

 

„So gefährlich war es doch nicht?“ er unterbricht sie und lächelt dabei über das ganze Gesicht. „Im Ernst! Da gibt es wirklich Fische in diesem Wasser. Ich fange einen und gebe ihn dir!!“

 

 

 

„Du gehst angeln! Du gehst angeln!“ Sie drückt ihn. Er geht zwei Schritte zum Wasser, dreht den Kopf zu ihr zurück.

 

 

 

„Wie soll ich ohne Angel angeln?“ fragt er.

 

 

 

„Das ist dein Problem, nicht mein Problem!“  sagt sie frech.

 

 

 

Er beobachtet sie, ihre großen beweglichen schwarz glänzenden Augen, den kleinen verzerrten feuerroten Mund, ihr durch und durch nasses Hemd, das sie um ihren ausgereiften Brustkorb geschlungen hat. So steht sie vor ihm und strahlt überall einen weiblichen Charme aus. Er dreht seinen Kopf.

 

 

 

„Wenn du deine Kleider nicht wechselst, kannst du dich erkälten!“ schreit er.

 

 

 

„Das ist mein Problem und nicht dein Problem!“ Sie ist immer noch auf Achtzig.

 

 

 

„Du solltest besser deine nassen Klamotten wechseln“, er senkt die Stimme und sagt:

 

„Überhaupt ist das noch gar nicht klar, ob das deine oder meine Sache ist.“

 

 

 

Sie schaut ihn treuherzig an. „Was heißt das? Das verstehe ich nicht!“

 

„Geh und zieh dich um!“ Sagt er laut.

 

Sie ist schockiert, schaut ihn an und wagt nichts zu sagen. Sie hebt die Kleidung auf, die auf dem Boden liegt. Sie hat noch eine zusätzliche Jeans mitgebracht. Sie geht hinter einen großen Felsen tief im dichten Wald. Wahrend sie geht, sagt sie:

 

„Ich bin hinter dem großen Felsen und ziehe mich um, du darfst nicht gucken, ok?“

 

 

 

Er flucht leise vor sich hin und legt sich ins Gras, das ringsherum steht. Den Blick zum Himmel gerichtet starrt er ausdruckslos auf die weißen Wolken. Diese Wolken blenden mit ihrem schillernden Weiß, so sanft, so weich, so langsam, so leicht - - - von dieser Seite aus gesehen driften sie auf die andere Seite.

 

 

 

Plötzlich kommt ein scharfer Schrei von Flora hinter dem Felsen hervor. Er springt sofort hoch, schlägt mit seiner Stirn gegen einen Baum. Er kümmert sich nicht um seinen Schmerz, hört nur Flora mit weinerlicher Stimme schreien: „Robert! Eine Schlange!“

 

 

 

Er rennt zu ihr und kann gerade noch Floras weiße Schultern nackt sehen. Sie bedeckt ihre Brust schnell mit Kleidern und schreit wieder: „Du darfst nicht kommen. Ich bin noch nicht umgezogen!“

 

 

 

Er steht wie festgenagelt, sein Gesicht ist knallrot, er dreht den Kopf weg.

 

 

 

„Was ist eigentlich mit dir los? Hat dich die Schlange gebissen? Erst schreist du aus!“ sagt er mit ängstlicher Stimme.

 

 

 

„Hallo!“ Flora atmet langsam aus und sagt mit leiser Stimme und ohne jede Aufregung: „Ich habe mich vertan! Es stellte sich heraus, dass es nur eine Weinrebe war.“

 

 

 

Er dreht sich um, sie zieht den Reißverschluss ihrer Jacke hoch. Er streckt die Hand aus. Er zieht sie hinter dem Felsen hervor und zieht sie in seine Arme und legt die Arme um sie. In seinen Augen ist Feuer, heftiges, er starrt sie unbeweglich an, seine Stimme ist heiser und tief:

 

 

 

„Junges Mädchen, egal, ob du wirklich naiv oder falsch bist, egal ob du ungezogen bist oder so tust als ob du verrückt wärst, ich werde dich nie gehen lassen.“

 

 

 

Er beugt den Kopf und küsst sie heftig. Seine Lippen sind so heiß auf Floras und drücken sie. Ihre Lippen sind weich und kühl wie Blütenblätter im Regen mit Tau am Morgen. Er hebt den Kopf, ihre weißen Augen sind ganz groß, wie nach einer wunderbaren Überraschung schauen sie ihn mit verträumtem Ausdruck an.

 

 

 

„Dummer Wind!“ schimpft er. „Könntest du deine Augen bitte schließen? Du starrst mich so an, dass ich dich nicht küssen kann.“

 

 

 

Sie schließt sofort die Augen, schließt sie so fest, dass die Wimpern unruhig zittern. Ihre Lippen spitzen sich leicht. Wie zum „geküsst werden“.  Er sieht sie an und lächelt.

 

 

 

„Du - - - - bist wirklich schrecklich!“

 

 

 

Sie öffnet die Augen

 

 

 

„Ist es nicht richtig?“ fragt sie und hebt naiv die Wimpern.

 

 

 

Er sieht sie lange an, nimmt ihre Hand und sagt: „Komm!“

 

 

 

Er führt sie zum Gras und sie setzen sich. Er sieht sie von der Seite an. Das Heiße, das ursprünglich in seinem Körper, seinen Blutgefäßen und seiner Brust lief und das in ihm brannte, das ursprüngliche Verlangen ist verschwunden. Er findet sie so sauber wie einen kleinen Bach, rein, wie weiße Wolken am Himmel und so schön wie Maiglöckchen. Er bezähmt sich, hält sich zurück, schämt sich, wird schamrot.

 

 

 

„Flora“, sagt er, „ In diesem Jahr bist du wirklich wie alt?“

 

 

 

„Neunzehn.“

 

 

 

„Hast du schon einmal einen Freund gehabt?“

 

 

 

„Mindestens zwanzig.“

 

 

 

„Im Ernst? Ernsthaft?“

 

 

 

„Ernst?“ Sie sieht ihn zögernd an, hebt die Wimpern und öffnet diese großen schwarz-weißen Augen. „Was heißt ernsthaft?“ fragt sie.

 

 

 

Jetzt ist er gefragt. Was heißt ernsthaft? Er denkt nach. Er kann die Frage nicht beantworten, weil er plötzlich etwas begreift. Er hat bisher das andere Geschlecht gar nicht ernst genommen. Er hat Ernsthaftigkeit noch nie erfahren. Er spielt mit Mädchen, immer schick, egal wie heiß das Spiel ist, wenn die Trennung ansteht, wird getrennt. Er hat sich nie darum gekümmert, wenn jemand an Liebeskummer litt.

 

 

 

„Ernsthaft ist - - - -“, er sucht nach Einfällen und findet den richtigen Satz, „das bedeutet einen Freund richtig zu kennen und er dich, gegenseitig, ohne das heiratet er nicht! Das ist die wahre Liebe. Wenn der Ernst nicht da ist, tut es weh, ist es sehr traurig.“ Sie schüttelt den Kopf, ihr kurzes lockiges Haar auf der Stirn. Zum Glück sind die Haare nicht mehr nass. Das Haar ist vom Wind ganz durcheinander gebracht. Ihr Blick ist aufrichtig und ernst, ein bisschen wie eine „echte Erwachsene“.

 

 

 

„So gesagt, ist „ernst“ eine verrückte Sache, richtig? „ sagt sie. „Ich glaube nicht an die Liebe, die die Schriftsteller schreiben. Ich glaube nicht an die Gegenseitigkeit. Warum heiratet man, keiner der eine Ahnung hat heiratet! Nein, noch nie ernsthaft. Ich werde niemanden ernst nehmen, dich mit eingeschlossen:“

 

 

 

Er runzelt die Stirn und fühlt sich ein bisschen ungemütlich.

 

 

 

„Hm!“ schnaubt er leise: „Gut, du willst es nicht mit mir ernst meinen, dann werde ich es auch mit dir nicht ernst nehmen!“!

 

 

 

„Das ist das Beste.“ Sie lächelt erleichtert. „Plötzlich hast du mir solche ernsthaften Fragen gestellt. Du hast mich ganz schön erschreckt.“

 

 

 

„Wieso kann dich das erschrecken?“ fragt er.

 

 

 

Du musst nicht immer denken, dass ich ein kleines Kind bin, ok?“ sagt sie. „Tatsächlich verstehe ich schon sehr viel. Ich erzähle dir mal eine Geschichte, die ich kenne. Ich hatte eine Mitschülerin, die war sehr ernsthaft für einen Mann, aber nach nicht langer Zeit veränderte sich das Herz des Mannes. Rate mal, wie es meiner Mitschülerin geht? Sie hat Selbstmord begangen! Das ist das Ergebnis von Ernsthaftigkeit in Bezug auf Gefühle.“

 

 

 

Seine Brauen runzeln die Stirn noch stärker.

 

 

 

„Du brauchst kein Beispiel zu bringen, um die Gefühle der Welt zu leugnen!“ sagt er: „ Deiner Meinung nach wäre es das Beste, wenn Männer und Frauen sich gar nicht verliebten!“

 

 

 

„Genau!“ Sie hebt beiläufig einen Tannenzapfen auf und wirft ihn weit weg, um Schneeball einen Grund zum in den Wald laufen zu geben. „Liebe ist etwas, was Dummköpfe tun!“  Sie dreht sich plötzlich zu ihm um, sehr besorgt, sehr vorsichtig, starrt ihn schrecklich an und sagt vorsichtig: „Ich frage dich was und du musst mir ehrlich antworten!“

 

 

 

„Ok.“

 

 

 

„Du hast mich gerade geküsst“, sagt sie und runzelt besorgt die Stirn, „das war doch einfach aus Spaß, richtig?“

 

 

 

„Das - - - “ er ist erschrocken, sieht sie an, er weiß nicht, was er antworten soll. Erst nach einer ganzen Zeit Stammeln sagt er: „ Nicht - - - nicht nur aus Spaß, ich - - - - ich glaube, ich konnte nicht anders, ich - - - - ich - - -.“

 

 

 

Ihre Augen sind ganz groß geworden.

 

 

 

„Meine Güte! Du nimmst mich nie ernst!“ sie ist aufgebracht, als hätte sie wieder eine Giftschlange gesehen.

 

 

 

„Sieh’ mal die Fantasien deines großen Kopfes!“ ruft er laut. Er glaubt, keinen Platz mehr zu haben, um wütend zu werden, sich der Katastrophe auf ihrem Gesicht zu stellen. Er ist ängstlich, wütend und muss lachen. Außerdem fühlt er sich von ihr erschlagen, von ihrer Haltung verletzt. Er ist bestrebt sich zu wappnen und schreit immer wieder: „Du bist wenig leidenschaftlich! Ich habe mindestens hundert Mädchen geküsst, du bist die mit dem wenigsten Geschmack! Ernst? Wie kann ich dich ernst nehmen? Ich bin zu sehr ein Miststück, um es mit dir ernst zu meinen. Nur ein Narr nimmt einen Kuss so ernst! Hat dich noch nie ein Junge geküsst?  Du bist so dumm wie ein Stück Holz, das ohne jede Reaktion - - - „

 

 

 

Er hat noch nicht zu Ende gesprochen, da springt sie plötzlich zu ihm und blockiert seinen Mund mit ihren Lippen, ihre Arme schlingen sich um seinen Hals, ihre Lippen rollen über seinen Mund, saugen und drücken ihn. Ihre flexible Zunge ist wie eine Schlange, sanft und exquisit und verweilend. Sein Herz klopft, er keucht, im ganzen Körper kocht sein Blut. Unwillkürlich umarmt er sie fest und drückt den ganzen kleinen Körper fest an seine Brust. Ihm ist schwindlig, sichtbar, die ganze Person fliegt vor Leichtigkeit, fliegt und fliegt - - - fliegt bis in die Tiefen der Wolken. Fliegt über den blauen Himmel hinaus, fliegt bis in die heiße Sonne! Heiß, ja, sein ganzer Körper ist heiß, sein ganzer Körper brennt, sein Herz zerspringt fast - - -.

 

 

 

Sie lässt ihn los und hebt den Kopf. Sie schaut ihn mit feuchten Augen an, mit tiefdunklen Augen sieht sie ihn an.

 

 

 

„Wagst du jetzt noch zu sagen, dass ich nicht weiß wie man küsst?“ flüstert sie: „Ich wollte es einfach nicht!“

 

 

 

Er starrt sie an, geblendet, getäuscht. Eine Weile kann er nicht sprechen. Sie beugt sich vor und hebt ihre nassen Sachen auf und ruft ihren Kleinen Schneeball. Mit Schneeball in den Armen steht sie da und sieht auf ihn hinunter.

 

 

 

„Du hast mich Holz geschimpft,  hast mich eine Närrin genannt und hast gesagt, ich hätte einen großen Kopf!  Ich bin noch nie von einem Jungen so beschimpft worden. Mit dir werde ich nicht mehr spielen. Ich werde dich nicht ignorieren. Ich gehe!“

 

 

 

Er springt sofort vom Boden auf und greift nach ihr um sie zu sich zu ziehen.

 

 

 

„Tu es nicht, Flora“, schreit er „ Du schreist mich an! Du schimpfst mich einen Stein. Das ist Quatsch, das ist Unsinn, das ist das Letzte, nenn es wie du willst! Solange du mich nicht ignorierst!“

 

 

 

Sie dreht sich um, hält Schneeball in ihrem Arm und geht.

 

 

 

Er hebt hastig die Kleidung vom Boden auf und folgt ihr.

 

 

 

„Flora!“ ruft er, „bist du wütend auf mich?

 

 

 

Sie schmollt, geht vor sich hin und ignoriert ihn vollständig.

 

 

 

„Flora!“ Er streckt die Hand aus, - völlig aus der Luft geholt, sagt er laut: „Und du hast Schneeball gesagt, er soll mich beißen!“

 

 

 

Ihre Augen blitzen auf, sie hebt Schneeball hoch und sagt: „Beiß ihn!“

 

 

 

Schneeball ist wirklich gehorsam, er öffnet den Mund weit und macht einen Biss in eine Seite von Roberts Handfläche. Wenn man sich die geringe Größe dieses Hundes ansieht, einige Zähne sind scharf. Pass auf, wenn die zubeißen! Robert leidet dieses Mal viel. Er beginnt „Autsch, Autsch“ zu schreien. “Autsch, Autsch“. „Mein Gott!“  „Mein Gott!“ „Autsch!“ „Flora, er ist doch gegen Tollwut geimpft? Ansonsten kriege ich Tollwut, dann beiße ich dich zuerst! Autsch!  Autsch! Einen lebendigen Menschen zu beißen -- - -.“

 

 

 

Sie hält es nicht mehr aus und muss lachen und umarmt den kleinen Schneeball. Er schaut auf seine Handfläche, wo ein paar kleine Löcher sind und Blutflecken. Er will sein Taschentuch zum Verbinden herausholen und da merkt er dass das Taschentuch ganz nass ist. Er befühlt die Hand und murrt in ihre Richtung etwas, ganz leise, leise ausgesprochen und aber offensichtlich vielsagend. Sie versteht es nicht und fragt:

 

 

 

„Was sagst du?“

 

 

 

„Das giftigste Frauenherz der Welt!“ sagt er laut.

 

 

 

„Du schimpfst mich ja schon wieder aus!“ Sie setzt den Hund auf die Erde und befiehlt ihm:

 

 

 

„Schneeball! Geh und beiß ihn! Beiß ihn heftig!“

 

 

 

Er nimmt die Beine in die Hand und rennt und Schneeball, „Wang, Wang, Wau“ bellend, verfolgt ihn. Flora lacht und hüpft hinter ihnen. Mit einem Atemzug rennt er ziemlich weit. Man kann das Dorf Lan Hui bereits sehen. Flora ist ihnen keuchend gefolgt, um Schneeball hochzunehmen. Sie streichelt seine Brust, zu Robert sagt sie:

 

 

 

„Sieh mal! Das bist alles du, du hast ihn außer Atem gebracht, wenn das bei ihm Herzkrankheiten hervorruft, dann bist nur du gefragt!“

 

 

 

„Oh!“ sagt er: „Es ist eine Schande, dich zum Freund zu haben. Aber du bist auch für deinen Hund verantwortlich!“

 

 

 

Sie lacht, dreht den Kopf,  sieht das erste Wohnviertel von Lan Hui und sagt: „Ich bin schon zu Hause, Oma wartet auf mich mit dem Abendessen!“

 

 

 

„Zu Morgen lade ich dich ein einen Film anzusehen!“ sagt er.

 

 

 

„Morgen gehe ich mit meiner Großmutter nach Taichung. Großmama will da eine alte Freundin besuchen.“

 

 

 

„Du darfst nicht gehen!“ sagt er.

 

 

 

„Du hast nicht das Recht, mir gegenüber den Ausspruch ‚du darfst nicht’ zu benutzen!“

 

 

 

„Wann ist das denn passend?“

 

 

 

„Das ist nie passend!“ Sie sieht ihn grinsend an. „Wir sind ein Spiel. Spiele sind nicht ernst. Es gibt keine ernsthafte Formulierung im Spiel! Deshalb hast du nie das Recht dazu ‚du darfst nicht’ zu sagen. Ich bin, wie ich bin. Ich habe auch kein Recht zu dir ‚du darfst nicht’ zu sagen. Du bist, wie du bist.“

 

 

 

Sie hebt Schneeballs Füße hoch, Robert winkt sie nur zu.

 

 

 

„Auf Wiedersehen!“ sagt sie munter, dreht sich um und hüpft weg.

 

 

 

Er sieht ihr nach wie sie verschwindet. Er hat keine Lust, noch mal von vorn zu beginnen. Nicht ernsthaft! Bei ihrem hinterhältigen Wesen!  Warum sollte er sich mit solchen Themen befassen! Es gibt Tausende, Hunderte von Themen über die man sprechen kann! Robert, du bist ein Trottel!

 

 

 

Er geht zu seinem. “Schneckenhaus“. Er läuft einfach die Straße entlang. Da entdeckt er, dass da ein ihm vertrauter Chevrolet parkt. Er ist begeistert und rast geradeaus. Arthur lehnt an der Autotür und lächelt ihn an.

 

 

 

„Wo warst du denn?“, fragt Arthur grinsend: „Am Sonntag werde ich nicht zu Hause bleiben. Ich bin schon lange hier und hatte keine Möglichkeit reinzugehen.“

 

 

 

Robert steckt den Kopf zum Autofenster hinein. Das Auto ist leer.

 

 

 

„Was suchst du?“, fragt Arthur.

 

 

 

„Ich suche nach jemandem, der meine Schwägerin sein könnte!“

 

 

 

Arthur klopft auf seine Schulter.

 

 

 

„Ich hatte nicht den Mut, sie in dein „Schneckenhaus“ mitzubringen. Ich hatte Angst, sie abzuschrecken. Sie liebt Sauberkeit, ihre Wohnung ist sehr rein!“

 

 

 

Robert schmollt verletzt.

 

 

 

„Diese Art von Frauen habe ich gefeuert!“

 

, es ist gar nicht so Arthurs Gesichtsausdruck hat sich verändert: „Robert, rede keinen Unsinn!“

 

 

 

Robert zuckt mit den Achseln und zieht ein Gesicht. Er schielt zu Arthur und fragt ganz natürlich: „Arthur, du meinst es doch ernst?“

 

 

 

„Ernst?“ fragt Arthur erschrocken und antwortet aufmerksam: „Ja, Robert, ich meine es ernst, sehr, sehr ernst.“ Er berührt Roberts Kragen: „Warum ist deine Kleidung so nass? Was hast du gemacht?“

 

 

 

„Ich bin in den Fluss gefallen“, sagt Robert geistesabwesend, streckt die Hand aus, zieht den Schlüssel aus der Tasche und öffnet die Tür zu seinem „Schneckenhaus“.

 

 

 

„Zusammen mit Flora?“ fragt Arthur.

 

 

 

„Ja, sie ist auch in den Fluss gefallen!“

 

 

 

„Robert“, fragt Arthur ernst: „Also, ich muss dich auch etwas fragen: meinst du es ernst?“

 

 

 

„Ernst - -?“ Robert stottert. Sein Herz stottert auch. Seine Gedanken stottern auch. Er tritt die Tür mit dem Fuß auf. Er wechselt das Thema und sagt laut: „Da wären wir in meinem

 

Schneckenhaus. Hier lass uns reden! Unterschätze nicht dies Schneckenhaus. Für meine makellose Schwägerin könnte es eine Müllkippe sein; es gibt aber auch Leute, die es für einen  “Himmel“ halten.